Lerpscher, Michael

Lerpscher, Michael

Thema: Drittes Reich, Kriegsdienstverweigerung, Frieden

M1: Gruber/Mendl S.58ff.

„Dummer Bua, wärscht halt mitganga“

Wie eine Gemeinde heute auf einen Kriegsdienstverweigerer im Dritten Reich reagiert

MISSEN-WILHAMS.  Ist Michael Lerpscher ein Held?  Ein Märtyrer?  Fest steht: Der Allgäuer Bauernsohn Michael Lerpscher aus Wilhams im Oberallgäu hat kategorisch nein gesagt. Nein zum Kriegsdienst im Dritten Reich, nein zum Fahneneid. Der Laienbruder büßte für seine Überzeugung mit dem Leben. Am 5. September 1940 starb er im Zuchthaus Brandenburg-Görden unter dem Fallbeil. Es ist vor allem seine Rigorosität, die heute noch erstaunt, beschämt und verwirrt.
Fast 47 fahre später: Ein sonniger Frühlingsnachmittag erwärmt das Oberallgäu. Im Nebenzimmer eines Gasthauses in Missen hat sich eine Runde getroffen, die in dieser Besetzung noch nie zusammengekommen ist. Der Bürgermeister, der Pfarrer, der Vorsitzende des Krieger- und Veteranenvereins, dessen Sohn, Gemeinderäte und Gäste von auswärts. Es geht um Lerpscher, um die Vergangenheit, die aber von der Gegenwart nicht so einfach zu trennen ist. Denn das scheint neu, im Doppelort Missen-Wilhams, im Oberallgäu und in Teilen der katholischen Kirche: Dass der Bekennertod eines Unbekannten nun doch noch erhellt wird. Der Anstoß kam von außen. Die beiden Lehrer Jakob Knab (36) und Ernst Mader (34) aus dem Raum Kaufbeuren haben nach langjährigen Recherchen nun ein Büchlein vorgelegt (Das Lächeln des Esels.  Das Leben und die Hinrichtung des Allgäuer Bauernsohnes Michael Lerpscher, Verlag an der Säge, 19,80 Mark), das erstmals den Lebensweg des Allgäuers, eines Mitglieds der Christkönigsgesellschaft in Meitingen um den Diözesanpriester Dr. Max Josef Metzger, der ebenfalls von den Nazis hingerichtet wurde, nachzeichnet.
Seit wenigen Wochen ist das Buch auf dem Markt. Es zeigt bereits Wirkung.  Erstmals wird nun über diesen Sohn der Gemeinde diskutiert, am Stammtisch, in Vereinen und Familien. Bisher war Lerpscher, einer von sechs Katholiken, die im Zweiten Weltkrieg wegen Kriegsdienstverweigerung hingerichtet wurden, kein Thema. Nur im Werk des amerikanischen Professors Gordon C. Zahn über deutsche Katholiken im Dritten Reich erschien er in einer Fußnote. Vor kurzem wurde zwar im Lindauer Friedensmuseum eine Gedenktafel für den ermordeten Laienbruder angebracht. Doch vielen erging es wie Ignaz Dreyer junior. Der 30jährige stammt aus Missen und arbeitet nun nach seinem Theologiestudium in der katholischen Kirchengemeinde in Penzberg. Erst dort hat der in der Pax-Christi-Bewegung Engagierte vom Bekennertod des Allgäuers aus seinem Heimatort erfahren.

"Für die Heimat"

Der junge Mann ist an diesem Nachmittag zusammen mit seinem Vater, Ignaz Dreyer senior, Jahrgang 1916, Landwirt und Rentner, erschienen. Der hat den Michel, wie sie ihn nannten, noch gekannt. Der Vater, Vorsitzender des örtlichen Krieger- und Veteranenvereins, hat seine eigene Geschichte. Zwischen Senior und junior spiegelt sich an diesem Nachmittag ein Zwiespalt wider, der wohl stellvertretend für beide Generationen steht. Längst geht es nicht nur mehr um Michael Lerpscher.  "Wir haben doch für die Heimat gekämpft", sagt der Vater.  Zwölf fahre hat er als Soldat verbracht, davon fünf grausam lange fahre als russischer Kriegsgefangener in Sibirien. Eine prägende Zeit, bestimmend für ein Leben. "Ist es nicht auch eine christliche Pflicht gewesen, seine Heimat zu verteidigen?" Aber auch Lerpscher war ein Christ, einer, der für seine Überzeugung gestorben ist. Es scheint gerade dieser Widerspruch zu sein, der nicht nur in Missen-Wilhams zu schaffen macht. Ignaz Dreyer und Michael Lerpscher haben sich beide für ihren Weg entschieden. Niemand hat wohl das Recht, daran Kritik zu üben. Bisher war dies im Ort kein Thema. Als die Nachricht von der Hinrichtung kam, hatte auch die Familie kein Interesse, dies in den Nazi-Hochburgen Missen und Wilhams publik zu machen. Ein Schleier des Vergessens und wohl auch des Vergessenwollens legte sich über diese Gestalt. Die Zäsur von '45 änderte nichts.  "Dummer Bua, wärscht halt mitganga"' sagt noch heute Fidel Prinz. Der 79jährige, selbst lange Jahre SA-Mitglied "da ist keiner stolz, aber man steht dazu" war Missens Bürgermeister von 1937 bis 1945. Dummer Bua - warum hatte er das getan, den Fahneneid verweigert?  Der Erbe eines großen Hofes, wäre er doch mitmarschiert, wie Millionen anderer.
Es gibt keinen offenen Streit in der 1200-Einwohner-Gemeinde, keine gegnerischen Lager.  Doch es sind Linien zwischen den Generationen auszumachen. "Wir wollen keine Feindschaften in der Gemeinde", sagt Rudolf Kieser (59), seit 1960 Ortsgeistlicher. "Es liegt zwischen uns, doch es bringt uns nicht auseinander", wertet auch Dreyer junior den Dissens mit seinem Vater. Der wiederum appelliert an den Dorffrieden. Aber kann ihn Michael Lerpscher gefährden?
Bisher hat diese Harmonie viele der Widersprüche verdeckt, die es auch hier zwischen Nazis und Katholiken gab. Fast bruchlos ging man in die neue Zeit nach '45. Doch dass da plötzlich einer auftaucht, der es eben doch anders gemacht hat, das scheint zu bewegen.  Und man sucht nach Erklärungen. Eine deutet in die Fremde. Der Michel, so sagt es Altbürgermeister Prinz, habe von diesen Ideen ja erst bei seinem Aufenthalt im oberbayerischen Benediktinerkloster St. Ottilien erfahren. Auch die Buchautoren kommen schließlich von außen. Immer ist die Angst zu spüren, dass eine Diskussion ins Dorf getragen wird, die hier keiner möchte. "Wir wollen kein zweites Nesselwang werden", sagt Pfarrer Kieser und erinnert an die Umstände des 55-Treffens in der Ostallgäuer Gemeinde.  Auch Dreyer junior, der betont, gerade aus einer Gestalt wie Lerpscher müsse man Lehren für die Gegenwart ziehen, ist einer von denen, die fortgezogen sind.
"Da wird man sofort als Spinner abgekanzelt", sagt eine, die im Dorf geblieben ist Gudrun Heiß-Rieser, Gemeinderätin, Leiterin des Kindergartens, 1955 gel-)oren.  Spinner - dieses Stichwort umschreibt die zweite Erklärungslinie, auf die Heinz Dröge (51@, seit drei Jahren Bürgermeister von Missen-Wilhams, verweist. Der geborene Sauerländer hat mit Dorfbewohnern gesprochen, die Lerpscher noch gekannt haben. "Er hat's ja so gewollt" „Der ist spinnert geworden" "Christlich fanatisch ist er gewesen", lauten die Antworten. Andere sprechen von einer erblich vorbelasteten Depression. Abwägen müsse man, so Heinz Dröge, ob man diese Gestalt nun "hochjuble".

Den Tränen nahe

"Das Wort Spinner möchte ich nicht hören", sagt Fidel Prinz. Die fast dreistündige Diskussion reißt keine Gräben auf, sie markiert verschüttete Positionen. Nicht jeder ringt sich zu einer Stellungnahme wie Pfarrer Kieser durch: "Die Gemeinde kann stolz darauf sein, einen Widerstandskämpfer gehabt zu haben." Dessen Namen nachträglich am Kriegerdenkmal anzubringen, lehnt jedoch Dreyer senior als "Diffamierung" der Soldaten ab. Aber: Auf die Frage, ob das Zeugnis des Michael Lerpscher bei manchem ein schlechtes Gewissen aktiviere, sagt Dreyer nach einer Pause, ruhig, ohne Pathos, aber den Tränen nahe: "Ich glaube ja".
In diesem Augenblick sind sich die Generationen so nahe, wie nie zuvor an diesem Nachmittag. Es geht nicht um Schuld, jedoch um Verstehen. Gemeinsam reift der Gedanke, auch im Dorf eine Gedenktafel für den Sohn der Gemeinde anzubringen.
Aber es ist der Landwirt Hans Lerpscher (39 - sein Vater war ein Cousin des Hingerichteten -, der warnt "Man soll es nicht hochspielen." Autor Mader verweist auf eine weitere Wirkung des Buches. Zu Beginn der Recherchen seien viele Familienmitglieder gespalten gewesen.  Nun beginne mancher, stolz auf Michael Lerpscher zu werden.

M2: Lebenslauf von Michael Lerpscher

Michael Lerpscher (1905-1940)
1905

Am 5. 1 1. in Wilhams im Allgäu als Bauernsohn geboren. Schon in der Jugend intensive Beschäftigung mit Religion und  christlichem Friedensgebot.

um 1926/27Anschluss an die Kolpinggruppe Missen. Ablehnung der Nazi-Politik und des Militarismus.
1930Besuch der Landwirtschaftsschule St. Ottilien.  Intensive Beschäftigung mit der Bibel.
1935

Anschluss an die Christkönigsgesellschaft in Meitingen, eine religiöse Gemeinschaft, die 1919 vom Priester Max Josef Metzger gegründet wurde.

Lerpscher nennt sich Bruder Bertram, legt aber kein Gelübde ab, um der Gemeinschaft wegen seiner Haltung zum Wehrdienst keine Probleme zu verursachen.

1936Die Grazer Christkönigsgesellschaft bittet um Unterstützung: Lerpscher geht im September nach Graz.  Dort lernt er Johannes Ude, einen Freund Metzgers und den Kopf der österreichischen Friedensbewegung, kennen. Mit seinem Mitbruder Josef Ruf kommt er zum Entschluss, den Wehrdienst zu verweigern, auch wenn dies das Todesurteil bedeutet.
Frühjahr 1940Einberufung zur 188.  Division in Graz. Lerpscher verweigert den Kriegsdienst; er wird in Graz inhaftiert.
Juli 1940Verlegung nach Wien.
2.8.1940Todesurteil wegen Wehrkraftzersetzung.
2.9.1940Einlieferung ins Zuchthaus Görden bei Brandenburg @Hinrichtungsstätte).
5.9.1940Tod durch das Fallbeil.
1987Diskussion in Wilhams: Gedenktafel für Michael Lerpscher?

M3: Zeitzeugen über Michael Lerpscher

Michael Lerpscher

charakterisiert von Zeitzeugen

"Er war ein Idealist also persönlich anspruchslos bis zum Letzten.  Und wollte den Kriegsdienst verweigern, damals schon hat er das vorgehabt und ist dann auch deshalb ausgetreten, um uns Unannehmlichkeiten zu ersparen. Wir hätten sie bekommen, wenn er den Kriegsdienst als persönliches Mitglied unserer Gemeinschaft verweigert hätte. Wir waren ohnehin ständig in Gefahr, von den Nazis aufgelöst zu werden."

"Ich hab den Michl gekannt (erzählte eine Frau am Ostermontag 1986 auf dem Friedhof in Missen) und ich muss sagen, das war ein guter Katholik und ein netter, anständiger Kerl. Warum der keine Waffe in die Hand nehmen wollte, also warum er so etwas gemacht hat, das kann ich nicht sagen. Das war doch ein grundanständiger Kerl."

"Er hat mich mal eingeladen zu sich, ich wusste nicht, was er wollte. Und was wollte er?  Also, ich war Schriftführer bei Kolping, und deswegen glaubte er, ich könnte ihm beim Abfassen eines wichtigen Briefes behilflich sein. Er wollte nämlich, stellte sich heraus, dem Papst schreiben, ihn fragen, ob Mord erlaubt sie im Notfall. Da sagte ich zu ihm: Du, das machst du nicht, ob das Oberhaupt an den Papst kommt, das ist doch sehr die Frage. Da war er enttäuscht, dass ich das nicht gemacht habe. Mir war das egal, ich dachte, das machen wir nicht.  Der wollte wirklich wissen vom Papst, ob Mord im Notfall erlaubt sei, das war seine wichtigste Frage, das hat ihn beschäftigt. Und ich glaube, dass der damals schon sich überlegte, im Fall eines Krieges keinen Fahneneid zu leisten, weil er so eine absolute Hemmung vor dem Töten hatte. Er war zu gewissenhaft, einfach zu gewissenhaft."

"Da ist eine Mitteilung gekommen, ein Brief.  Ob der Großvater ihn vorgelesen hat oder die Großmutter, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, sie haben ihn bloß selber gelesen. Sie sagten uns dann nur: So. Soweit hat er es gebracht. Er nimmt keine Waffe, er verweigert sie total, und jetzt wird er hingerichtet.  Warum eigentlich? Er hätte doch als Sanitäter gehen können, da hätte er die Waffe ja nicht gebraucht. Dann wäre das nicht passiert, dann würden sie ihn jetzt nicht hinrichten. Das hat man gesprochen bei uns im Haus."

"Da kam ein Päckchen, ungefähr in dieser Größe, einen halben Arm lang.  Da waren drin ein paar Hosen, eine Weste, eine Uhr und vielleicht auch eine Jacke. Ich hab das selbst ausgepackt damals. Die Uhr hielten wir in den Händen und fragten: Wer bekommt jetzt die Uhr?  Man legte sie schließlich weg.  Wer sie bekommen hat, weiß ich nicht mehr.  Man ging auch zum Pfarrer ... Da war dann am nächsten Tag nur eine Messe, eine stille Messe, ohne den Namen des Toten, ohne ihn überhaupt zu erwähnen.  Und nachher hat man über den Michl nie mehr groß gesprochen.

M4: Bild von Michael Lerpscher

Ein Märtyrer? Michael Lerpscher starb für seine Überzeugung
Ein Märtyrer? Michael Lerpscher starb für seine Überzeugung

M5: Gedenktafel für Michael Lerpscher

M5: Gedenktafel für  Michael Lerpscher

M6: Wortpyramide

Zu einer Person oder Situation wird ein folgendermaßen strukturierter Text verfasst: Die oberste Zeile wird aus einem Wort gebildet, die nächste aus zwei Wörtern, die dritte aus drei usw.

Es entsteht visuell die Form einer Pyramide.

Vorteil: Auch schwächere Schüler sind erfolgreich, sie gestalten vielleicht weniger Zeilen aus.

Wortpyramide: Michael Lerpscher

               michl
        dummer bua
  häst ned aufg’muckt
dann würdst noch leb’n

 
          gradlinig
friedlich konsequent
      bis zum Ende

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