Experteninterviews

Experteninterviews

Was für Psychologen, Psychiater und Ärzte oft plausibel klingen mag, ist für den Laien nicht immer nachvollziehbar. Deswegen sind auf dieser Seite Interviews mit Experten zu finden, die versuchen ihr Fachgebiet auf eine anschauliche und für Laien verständliche Weise zu erklären. Die Interviews sollen dabei als ergänzende und abwechslungsreiche Information zu den jeweiligen Themen dienen, die auf der Website bereits zu finden sind.

Interview Alkoholsucht

Rund die Hälfte der Klienten, die Julius Krieg (Foto) behandelt, haben ein Alkoholproblem.

Julius Krieg ist Leiter der psychosozialen Beratung und Behandlung der Caritas Passau. Der 63-Jährige spricht im Interview mit der Beratungsstelle über seine Erfahrungen im Umgang mit Alkoholkranken, wie gefährdet Studierende sind und wie man eine beginnende Alkoholabhängigkeit bei sich und anderen erkennen kann.

Beratungsstelle: Welchen Anteil machen Alkoholerkrankte in der Suchtberatung der Caritas aus und welche Süchte werden dort noch behandelt?
Julius Krieg: Wir haben im Jahr etwa 800 Klienten, die wir betreuen. Von diesen kommen ungefähr die Hälfte wegen einer Alkoholproblematik zu uns. Das zeigt, wie weit die legale Droge Alkohol verbreitet ist. Das sieht man auch daran, dass die Behandlung von Menschen mit Problemen mit illegalen Drogen nur ungefähr 25% ausmacht. Dazu kommen noch Menschen mit Essstörungen oder allgemeinen psychischen Problemen. Aber auch Angehörige von Suchtkranken beraten wir bei uns.

Gibt es viele Studenten, die mit einem Alkoholproblem zu Ihnen kommen?
Das kann man schwer sagen, weil wir dazu keine Zahlen haben. Da liegt auch daran, dass Studenten, die Alkoholprobleme haben, in der Regel nicht so schnell auffällig werden, sondern nur, wenn er oder sie zum Beispiel das Studium abbricht. Alkoholprobleme spielen sich bei vielen Betroffenen oft im Verborgenen ab. Denn Alkoholiker werden oft vom System mitgetragen. Wenn ein Student zum Beispiel in seine Vorlesungen geht und alle Prüfungen besteht, dann eckt er nicht an und die Alkoholsucht ist noch nicht auffällig. Im Berufsleben, zum Beispiel im Büro, ist eine Alkoholfahne auffälliger.

Laut einer Studie der Uni Passau haben die Passauer Studenten im Vergleich zum Bundesdurchschnitt eine höhere Wahrscheinlichkeit zum Alkoholmissbrauch – ein unter Studenten übliches Bild?
Ich weiß, dass viele Studenten etwas zu viel trinken. Gerade beim Alkohol gibt es immer eine hohe Dunkelziffer. Viele Leute haben ein Alkoholproblem, und trinken zu viel, aber fallen nicht auf, wie bei dem Beispiel mit dem Studenten. Denn Alkohol ist in unserer Gesellschaft etabliert und geduldet, deswegen sehen wir viele Alkoholkranke zunächst nicht. Das ist bei Studenten ähnlich.

Inwiefern sind Studenten gefährdet, alkoholkrank zu werden?
Niemand wird suchtkrank geboren, das Umfeld trägt dazu bei. Bei Studenten kann das auch leicht passieren. Denn sie können sich in ein Umfeld begeben, in dem gerne gefeiert wird und es überall Alkohol gibt. Früher war es bei den Studenten genauso, heute kommen illegale Drogen dazu. Ich glaube, dass heute viele Studenten unter Leistungsdruck stehen, den sie versuchen mit Drogen zu kompensieren. Es gibt Studenten, die es nur mit Hilfe von Medikamenten schaffen, ihr Studium abzuschließen. Ich habe den Eindruck, dass nicht alle Studenten trinken, sondern es gibt immer wieder einzelne ­– „der harte Kern“. Studenten haben früher gerne getrunken und heute auch. Da Alkohol die ganze Gesellschaft betrifft, sind Studenten genauso gefährdet, wie andere Schichten.

Was sind typische Folgeerscheinung eines Alkoholproblems?
Zunächst muss man unterscheiden zwischen psychischer und physischer Alkoholabhängigkeit. Als erstes kommt die psychische Abhängigkeit, also das unwiderstehliche Verlangen nach Alkohol. Man ist zunächst nicht bereit sich das einzugestehen. Das kann zum Beispiel mit der Feierabendhalbe beginnen: Wenn ich schon um drei Uhr nachmittags denke, wann kann ich endlich mein erstes Bier trinken. Die psychische Abhängigkeit fällt zunächst nicht auf. Im Verlauf dieser psychischen Abhängigkeit kommt die physische Abhängigkeit. Morgens fühlt man sich schlecht und braucht Alkohol um fit zu sein, diese beiden Faktoren ergeben das Gesamtbild einer Alkoholabhängigkeit. Diese zu entwickeln kann Jahre dauern.

Was ist das schwierige an der Behandlung von Menschen mit Alkoholproblemen?
Man muss die Leute motivieren, gegen die Krankheit anzukämpfen. Die meisten unserer Klienten kommen in die Beratungsstelle, weil sie vom Arzt, Richter oder dem Partner geschickt werden, also auf Druck. Es ist wichtig, die Leute zu motivieren selbst Lösungen zu finden. Dann ist es auch wichtig, zunächst die Diagnose Alkoholismus festzustellen und die Klienten damit zu konfrontieren.

Woran erkennt man eine beginnende Alkoholabhängigkeit?
Wenn man ein unwiderstehliches Verlangen nach Alkohol hat. Wenn man sich vornimmt, nichts zu trinken und man trotzdem trinkt, weil man nachmittags schon zu zittern anfängt, weil man Alkohol braucht.

Wie beugt man dieser vor?
Alkoholabhängigkeit hat mit Konsum zu tun. Kontrolliertes Trinken ist wichtig. Wenn jemand sehr sorgsam umgeht mit Alkohol, dann ist die Wahrscheinlichkeit alkoholabhängig zu werden, relativ gering. Wenn man also nur eine bestimmte Menge in einer bestimmten Zeit trinkt. Es wäre beispielsweise gut, dreimal die Woche gar keinen Alkohol zu trinken, und wenn dann nur 40 Gramm, also ungefähr eineinhalb Biere. Ich bin nicht jemand, der meint, Alkohol gehört verboten, aber er muss in Maßen genossen werden.

Was ist nach Partys zu beachten, an denen viel getrunken wird?
Wenn man einmal exzessiv trinkt, zum Beispiel am Wochenende, dann ist es für den Körper wichtig, eine längere Erholungsphase zu haben, also etwa drei Wochen danach nichts mehr zu trinken. Denn Alkohol ist ein ganz massives Gift. Wenn das Gift in Maßen zu sich genommen wird und der Körper sich erholen kann, dann ist es noch in Ordnung und verkraftbar.

Was kann ich tun, wenn ich jemanden kenne, um dessen Alkoholkonsum ich mir sorgen mache?
Ich empfehle mit demjenigen unter vier Augen zu reden und ganz klar zu sagen Pass mal auf, ich denke du hast ein Alkoholproblem, weil.... Man sollte es mit den Sachen begründen, die man selbst gesehen hat und sagen, dass man der Person nicht helfen kann, aber weiß, wo es professionelle Hilfe gibt. Damit bewegt man etwas in dem Menschen, denn das Gespräch ist wahrscheinlich unangenehm. Danach sollte man immer dranbleiben und nachfragen, ob die Person schon da war, um sich Hilfe zu holen. Denn es ist keine Schande alkoholkrank zu sein, sondern nichts dagegen zu tun.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stelle Tim Ende.

Interview Drogen und Suchtverhalten

Rückfälle gehören bei einer Suchttherapie dazu, sagt Stefan Gutwinski. Foto: Gutwinski.

Dr. med. Stefan Gutwinski ist Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St-Hedwig Krankenhaus in Berlin und Leiter der Arbeitsgruppe Psychotrope Substanzen. Der Psychiater und Psychotherapeut betreut dort Menschen mit unterschiedlichen Suchterkrankungen. Im Interview mit der Beratungsstelle spricht er über die Auswirkungen von Drogenkonsum und räumt mit Vorurteilen auf.

Beratungsstelle: Mit welchem Drogen haben Sie am meisten zu tun?
Stefan Gutwinski: Die meisten Menschen, die wir hier behandeln haben Probleme mit den klassischen Substanzgruppen wie Alkohol, Kokain, Heroin, Benzodiazepine und Barbiturate, Amphetaminen und Cannabis. Generell kann gesagt werden, dass die Bedeutung dieser Drogen in der Bevölkerung in den letzten Jahren relativ gleichgeblieben ist. Der Cannabis-Konsum hat dagegen in den letzten Jahren zugenommen, auch kommen immer wieder neue psychoaktive Substanzen hinzu, mit denen wir bisher wenig zu tun hatten.

Warum nehmen Menschen Drogen? Haben sich die Motive im Laufe der Zeit geändert?
Ich würde sagen, die Motive sind weitestgehend gleichgeblieben. Für manche Menschen ist der Drogenkonsum eine Art Selbsttherapie, aufgrund belastender Lebensereignisse. Für andere sind es Neugier oder sind Alltags bedingte Verhaltensweisen, aus denen der Drogenkonsum hervorgeht. Beim Cannabis-Konsum hat sich die Hemmschwelle zur Einnahme in der breiten Bevölkerung vermutlich bei vielen Menschen verringert. Denn dafür, dass Cannabis noch eine relativ junge Droge ist, konsumieren sie relativ viele Menschen. Das mag daran liegen, weil die Risiken für die meisten Menschen abschätzbar zu sein scheinen, und mittlerweile fast jeder jemanden kennt, der Cannabis konsumiert.

Gibt es Einstiegsdrogen?
Dass Cannabis als Einstiegsdroge fungiert, konnte wissenschaftlich nicht bewiesen werden. Menschen, die Drogen konsumieren, fangen häufiger mit Cannabis an, aber nicht alle Menschen, die Cannabis nehmen, konsumieren automatisch andere Drogen. Generell ist es so, dass ein einmaliger Konsum von Drogen, wie es viele Menschen machen, nicht automatisch bedeutet, dass man abhängig wird. Ausnahmen gibt es, wie beispielsweise bei Heroin, denn hier zeigt sich, dass auch schon ein einzelner Konsum in eine Abhängigkeit führen kann. Bei fast alle anderen Drogen ist es eher ein Prozess von mindesten Wochen, Monaten oder Jahren, bis eine Abhängigkeit entwickelt werden kann. Der sporadische Einzelkonsum von den meisten Substanzen endet hingegen bei den meisten Menschen nicht in einer Abhängigkeit.

Welche langfristigen Folgen hat Drogenkonsum?
Beim Konsum von psychoaktiven Substanzen ist vor allem der Dauerkonsum ein Problem. Der Einzelkonsum von vielen als Drogen bezeichneten Substanzen in einer gängigen, also nicht zu starken oder verunreinigten Dosierung, verursacht vermutlich bei den meisten Substanzen bei sonst gesunden Erwachsenen keine dauerhaften Schäden. Wer einmal ein halbes Gramm Cannabis konsumiert, wird dadurch sehr wahrscheinlich keine lebenslangen schädlichen Auswirkungen haben. Gefährlich ist bei allen Substanzen der Dauerkonsum und wenn es von Kindern, Jugendlichen oder Menschen mit seelischen Erkrankungen konsumiert wird. Entscheidend für die Art der körperlichen Auswirkungen ist dabei auch die Art der Zuführung der Substanz. Cannabis wird in der Regel inhaliert – erhöhte Raten von Lungenschäden sind dann beispielsweise die Folge. Beim Dauerkonsum von Alkohol wird die Speiseröhre und die Bauchspeicheldrüse und viele andere Organe geschädigt. Bei Heroin sind es vor allem die Verunreinigungen und Infektionserkrankungen durch Injektionen, die besonders gefährlich sind. Zusätzlich haben fast alle Subtanzen spezifische sekundäre Folgen. Daneben gibt es auch psychische Auswirkungen. Cannabis-Konsum kann bei Menschen die Wahrscheinlichkeit für Psychosen erhöhen. Rauchen Kinder oder Jugendliche regelmäßig Cannabis, hat das vermutlich Auswirkungen auf die Gesundheit und langfristig auch auf die Intelligenzleistung.

Wie viel Prozent der Studierenden nehmen Ihrer Erfahrung nach Drogen bzw. haben schon Drogen genommen?
Der Drogenkonsum unter Studierenden entspricht ungefähr dem Bevölkerungsdurchschnitt. Das heißt, dass etwa ein Viertel aller Studierenden schon mal Kontakt mit Drogen hatte.

Wie unterscheidet sich der Drogenkonsum von Studierenden zu anderen Berufsgruppen?
Es gibt nur geringe Verschiebungen im Vergleich zum Drogenkonsum im Bevölkerungsdurchschnitt. Der Heroinkonsum ist zum Beispiel niedriger, dafür ist der Cannabis-Konsum etwas höher, als in anderen Gesellschaftsgruppen.

Welche Rolle spielen leistungssteigernde Drogen bei Studierenden und welche gibt es?
Wir beobachten eine langsam zunehmende Verschreibung von Amphetaminderivaten wie Ritalin, die für die Behandlung von ADHS verwendet werden. Im Bereich, indem Substanzen zur Leistungssteigerung genommen werden, werden solche Medikamente, die die Konzentration fördern oder auch schlafanstoßende Subtanzen, damit man schneller einschläft und leistungsfähig bleibt, eingesetzt. Ob dies dann wirklich zu einer Leistungssteigerung führt, vor allem dauerhaft, ist bei sonst gesunden Erwachsen vermutlich gar nicht gegeben.

Können diese Substanzen abhängig machen?
Vermutlich bei einigen Personen schon, auch wird diskutiert, ob der Konsum von leistungssteigernden Substanzen die Schwelle für andere Abhängigkeitserkrankungen vermindert. Eine andere Frage, die bei der Diskussion gestellt werden sollte, ist, ob es gerecht gegenüber anderen Kommilitonen ist, unter Substanzeinfluss Prüfungen zu schreiben. Es ist auch eine kulturelle Frage, ob wir das maximale an Leistung unser Gesellschaft nur unter Drogeneinfluss erreichen können. Und oft ist genau dieser Grund der Substanzeinnahme zu berücksichtigen, denn eigentlich ist es Ausdruck einer großen Not, wenn jemand Substanzen einnehmen muss, damit er oder sie Prüfungen besteht. Der direkte oder indirekte Druck der etwa von zu Hause kommt, muss extrem groß sein. Diese Debatte hat aber noch sehr viele weitere Facetten mit philosophischen und soziologischen Aspekten – das würde hier den Rahmen sprengen.

Wie sieht eine erfolgreiche Therapie heute aus?
Bei einer Therapie muss man sich zunächst klarmachen, dass Rückfälle zum Therapieprozess dazu gehören, denn sie sind ein Lernprozess. Suchttherapie kann generell nur erfolgreich sein, wenn wir das individuelle Risiko der Patienten verstehen und die Bereitschaft und die Not des Patienten, die Substanz abzusetzen, in die Therapie integriert. Wenn jemand in Behandlung kommt, der beispielsweise aus einem gewalttätigen Elternhaus kommt und der in einem Kinderheim groß geworden ist und aus nachvollziehbaren Gründen täglich Alkohol konsumiert hat, dann macht es Sinn diese  individuellen Aspekte zu verstehen, aber gleichzeitig zu vermitteln, warum die Sucht und der Konsum trotzdem langfristig nicht hilfreich sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tim Ende.

Interview Online-Sexsucht

Helmut A. Höfl (Foto) bietet Betroffenen u.a. Sexualberatung an.

Helmut A. Höfl ist Gesamtleiter der "Ehe-, Familien- und Lebensberatung" im Bistum Passau. Er ist spezialisiert auf bindungsbasierte Paar-, Familien sowie psychologische Lebens- und Sexualberatung. Im Interview mit der Beratungsstelle spricht der 61-Jährige über die Folgen von exzessivem Porno-Konsum, welche Auswirkungen dies auf die Beziehungen zwischen zwei Menschen haben kann und wie eine erfolgreiche Behandlung gegen Online-Sexsucht aussieht.

Beratungsstelle: Was ist Online-Sexsucht?
Helmut A. Höfl: Bei der Online-Sexsucht handelt es sich um ein nicht mehr zu kontrollierendes Verlangen nach Porno-Konsum im Internet, das hauptsächlich bei stressvoller Anspannung und unangenehmen Gefühlen, seltener auch bei sexueller Begierde ausgelöst wird. Porno-Konsum ist stark mit dem neuronalen Belohnungssystem verbunden, sodass das Suchtverhalten regulativ und verstärkend wirkt.

Wie entsteht diese Sucht?
Wie bei jeder Sucht besteht auch bei der Online-Sexsucht eine Rückkopplung zwischen Reiz und Belohnung, die meist eine innere Leere oder Spannung kompensiert. Neben der physiologischen Befriedigung ist bei dieser Art der Sucht die illusorische Belohnung besonders ausgeprägt. Denn durch die Machart vieler Filme hat der Zuschauer das Gefühl live dabei zu sein. Über den Blick in die Kamera wird suggeriert, dass auch er gemeint ist und die Darsteller auch ihn "lieben". Wenn diese Schwelle überschritten ist, die Konsumenten also nicht mehr zwischen Fake und Realität unterscheiden, dann wird es gefährlich. Denn die Online-Sexsüchtigen suchen sich dann in der Internetpornographie ihr Surrogat, ihr Ersatzmittel für Bindungspersonen und Liebespartner.

Wer ist besonders betroffen? Gibt es eine bestimmte Altersklasse bzw. Zielgruppe?
Die Prävalenz, also die Krankheitshäufigkeit, liegt bei jungen Männern zwischen 17 bis 25 Jahren. Ca. 17% der deutschen Männer konsumieren täglich Pornos, um die 500.000 Menschen in Deutschland sind Internet-sexsüchtig. Oft stehen die Betroffenen unter Stress, spüren sich unter hohem Leistungsdruck wenig – und nutzen das schnelle Online-Angebot zur körperlichen Entspannung. Oft sind die Online-Sexsüchtigen Opfer eines Perfektionszwanges – oder umgekehrt einer, u.U., desorganisierten Persönlichkeit. Es sind häufig diejenigen betroffen, die viel alleine sind und Angst bzw. Scham vor dem "Du" eines realen Liebespartners haben. Diese Sucht ist also meist ein Problem von Menschen, die unter Stress Beziehungen vermeiden.

Inwiefern grenzt sich die Online-Sexsucht zu anderen Süchten ab?
Die körperlichen Aspekte der Sucht können auch bei Online-Sexsüchtigen ausgeprägt sein – es überwiegen die physischen und relationalen Folgen. Manche Betroffene konsumieren viele Male am Tag Pornos und befriedigen sich dabei selbst. Dabei werden jedes Mal im Gehirn entspannende und betäubende Botenstoffe freigesetzt. Nach dem meist rituell ausgeprägten Konsum fühlen sich viele leer und enttäuscht.  Das Problem bei der Online-Sexsucht: Die Betroffenen regulieren ihre Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit sowie Erregung und Erkundung nicht in realen Beziehungen und konditionieren sich bei Irritationen mit Porno-Konsum. Dabei sehen sie Bilder, die immer härter werden und Scham und Selbstvorwürfe auslösen.

Ab wann kann man von einer Sucht sprechen?
Wenn die Betroffenen bei Spannungen, Frust oder Konzentrationsschwierigkeiten beginnen, sich Pornoreize vorzustellen und danach wie unter Zwang zu suchen. Vor allem müssen diese Videos mit der Zeit immer reizvoller werden, die Bilder müssen extremer werden, damit die Betroffenen überhaupt die Orgasmus-Schwelle erreichen. Der Reiz des Verbotenen spielt natürlich auch eine Rolle, deswegen können Betroffene auch dazu verleitet werden, Videos und Bilder im Darknet mit tabuisierten oder besonders brutalen Praktiken zu konsumieren.

Wie wirkt sich die Online-Sexsucht auf die Beziehungsfähigkeit der Betroffenen bzw. auf Paarbeziehungen aus?
Betroffene Männer, die Hilfe suchen, berichten, dass sie in ihrer "normalen" Sexualität gestört sind, dass sie beim partnerschaftlichen Sex kaum oder keine Erektion bekommen. Zunehmend mehr Paare nutzen Pornos zur gemeinsamen Erregung oder schauen diese während des Liebesaktes an. Manche verlieren so die Lust auf partnerschaftliche Nähe und befriedigen sich lieber selbst. Die Partnerinnen fühlen sich nicht mehr begehrt oder geraten unter Druck die in Pornos üblichen Praktiken nachzumachen. Die feinen Nuancen des Spiels zwischen "Begehren-Verwähren-Gewähren" weichen dem schnellen Sex, in dem Personen zu Objekten mutieren.

Wie sieht die Behandlung/Therapie aus?
Das wichtigste ist, dass die Betroffenen selbst anerkennen, dass sie pornosüchtig sind. Nach diesem ersten, wichtigen Schritt folgt die Entscheidung für die Abstinenz. Abhängige distanzieren sich von Computer, Tablet und Smartphone, sodass sie keine Möglichkeit mehr haben, ins Internet zu gehen. Danach braucht es positive "analoge" Erfahrungen. Das kann etwa sein, sich in der Natur zu bewegen, den eigenen Körper zu fühlen, seine Bedürfnisse zu spüren. Dann folgt die Emotionsregulierung. Online-Sexsüchtige haben verlernt, ihre Spannungen und Verstimmungen ohne "Mittel" zu kontrollieren. Die Therapie wird durch Selbstbeobachtung, Stress-Regulations-Übungen, Entspannungsverfahren und die Selbstverstärkung, z.B. durch ein Tagebuch, begleitet, wo Erfolge notiert werden. Durch das tiefere Beobachten und Distanzieren lernen die Betroffenen, sich selbst zu kontrollieren und die Sexualität langsam als reiches Repertoire der Beziehungsgestaltung zu sehen.

Was ist das Schwierige an der Behandlung?
Dass es Phasen gibt, in denen sich die Betroffenen leer fühlen und nicht daran glauben, dass die neu erlernten Techniken richtig funktionieren. Das ist ähnlich wie beim Rauchen. Raucher sind konditioniert, dass mit der Zigarette Stress reduziert und Genuss und Ruhe erzeugt werden. Die Betroffenen müssen lernen, sich diese Konditionierung abzutrainieren – und bei Rückfällen nicht aufzugeben.

Inwiefern spielt Scham bei der Behandlung von Online-Sexsüchtigen eine Rolle?
Eine sehr große, denn dieses Thema ist ein stark Scham besetztes. Es ist nie leicht, eine Sucht zuzugeben, viele schämen sich, dass sie es nicht schaffen sich im Griff zu haben. Viele Pornosüchtige haben, um Scham zu kompensieren und den negativen Gefühlen etwas entgegenzusetzen, wiederum nur Pornos. Ein schrecklicher Kreislauf entsteht.

Was kann man tun, um der Online-Sexsucht vorzubeugen?
Das Beste sind Beziehungen, die Sicherheit geben, in denen offen Gefühle geteilt und Bedürfnisse geäußert werden. Greift man zum Porno, muss klar bleiben, dass es sich dabei um das Vorgaukeln stereotyper Muster handelt, das auf Kosten benutzter und ausgebeuteter Darstellerinnen geht. Die berechnende Künstlichkeit gefakter Lust der Porno-Industrie sollte bewusst sein. Hilfreicher sind die eigene Phantasie und der Mut, sich in sexuellen Beziehungen als ganzer Mensch zu investieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tim Ende.

Kontakt:
EFL-Beratungsstelle Passau, Höllgasse 29, 94032 Passau. Tel.: 0851/34337 (8:30-12:30 Uhr). Internet: www.efl-passau.de. An der EFL-Beratungsstelle ist anonyme Beratung möglich. Bei Sexsucht oder Fragen in dieser Thematik bitte einen Platz beim Stellenleiter Helmut Höfl erfragen, mit dem Wunsch nach anonymer Beratung.

Interview Depressionen

Jens Molthan ist niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Passau. Im Interview mit der Beratungsstelle spricht er über häufige Ursachen von Depressionen und wie man sie vermeiden kann.

Was ist eine Depression?
Symptome einer Depression sind vor allem gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Antriebsverminderung, Verminderung von Energie, erhöhte Ermüdbarkeit und oft auch Appetiteinschränkungen. Manchmal treten auch Suizidgedanken auf, im schlimmsten Fall nimmt sich ein Erkrankter das Leben. Eine pessimistische Zukunftsperspektive, das Gefühl von Wertlosigkeit und ein vermindertes Selbstwertgefühl gehören ebenfalls zur Symptomatik. Häufig kommen kognitive Einschränkungen wie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen hinzu. Ein Teil der Erkrankten klagt auch über körperliche Symptome, wie zum Beispiel Bauchschmerzen, Engegefühl in der Brust, Kloßgefühl im Hals oder Kopfschmerzen.

Was sind häufige Ursachen für Depressionen?
Oft sind mehrere Faktoren Auslöser. Zum einen gibt es Depressionen, die durch Ereignisse von außen hervorgerufen werden, wie etwa durch bestimmte Lebenssituationen, Schicksalsschläge oder Arbeits- und Studiensituation. Dabei müssen nicht immer besondere Umstände auftreten, manchmal kann auch die Summe der Belastungen einfach zu viel werden. Ein Burn-Out kann neben der hohen Arbeitsbelastung zum Beispiel auch noch durch andere Faktoren wie einer belastenden Familien- oder Partnerschaftssituation begünstigt werden. Zum anderen gibt es bei einem Teil der Erkrankten auch eine genetische Veranlagung. Zudem können auch anerzogene Denkmuster und die Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen eine Rolle spielen.

Wer ist besonders häufig von Depressionen betroffen?
Depressionen und Angststörungen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen. Im Lauf des Lebens entwickeln, je nach Erhebung, jeder 3. bis 10. eine Depression, die meisten Untersuchungen gehen von ca. jedem 5. aus. Statistisch gesehen ist der Frauenanteil höher, wobei Frauen nach meiner Erfahrung auch leichter Hilfe in Anspruch nehmen und nach einigen Untersuchungen der Männeranteil steigt. Von der Altersstruktur her sind oft Menschen über 50 betroffen. Depressionen können jedoch in jeder Altersklasse auftreten. So fand die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) bei der direkten persönlichen diagnostischen Untersuchung, dass über 15 % Frauen im Alter von 18 bis 34 Jahren die Kriterien für eine Depression erfüllten

Was ist der Unterschied zwischen einer Depression und einer Anpassungsstörung?
Die Anpassungsstörung ist eine psychische Reaktion auf psychosoziale Belastungsfaktoren. Wenn jemand zum Beispiel ein Studium anfängt und dann aufgrund mehrerer Faktoren – Verlust des alten Freundeskreises, höherer Anforderungen und Nichtzurechtkommen mit der neuen Umgebung – eine psychische Störung entwickelt, wird diese Symptomatik erstmal als Anpassungsstörung eingeordnet. Die kann eine depressive Reaktion sein, aber zum Beispiel auch eine Angstreaktion. Wenn diese Symptomatik nicht in kurzer Zeit wieder abklingt oder Suizidgedanken auftauchen, die soziale Funktion oder berufliche Funktionen oder Studierfähigkeit gefährdet ist, dann empfehle ich Hilfe zu suchen. Eine Depression ist schließlich das Anhalten von den anfangs genannten Symptomen über mindestens 2 Wochen. Der Schweregrad einer Depression wird nach der Art und Anzahl der Symptome klassifiziert.

Welche Therapieformen gibt es?
Grundsätzlich kann man zwischen Psychotherapie und medikamentöser Therapie unterscheiden. Medikamentöse Therapien dürfen nur Ärzte verschreiben; der Großteil von Antidepressiva wird nicht durch Psychiater, sondern durch Hausärzte verschrieben. Das liegt auch an der zu geringen Verfügbarkeit entsprechender Fachärzte und langer Wartezeiten auf einen Termin. Beratung und zum Teil auch Psychotherapie erfolgt durch Beratungsstellen, wie der psychologische Beratungsstelle an der Uni, dem sozialpsychiatrischen Dienst (in Passau bei der Diakonie angesiedelt), der Caritas oder anderen Institutionen. Innerhalb des Gesundheitssystems erfolgt die Therapie im ambulanten Bereich durch psychologische und ärztliche Psychotherapeuten, Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie oder Fachärzte für psychosomatische Medizin und auch z.B., wenn ärztlich verordnet, spezialisierten Ergotherapeuten oder Pflegediensten. In Deutschland sind in der ambulanten Versorgung sowohl die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie, zukünftig auch die systemische Therapie zugelassen und werden von den Krankenkassen erstattet.

Neben den ambulanten Behandlungsmöglichkeiten ist auch eine stationäre oder tagesklinische Behandlung in psychiatrischen oder psychosomatischen Kliniken möglich. Auch andere biologische Behandlungsverfahren, wie Schlafentzugstherapie, Lichttherapie, transkranielle Magnetstimmulation bis zur Elektrokrampftherapie können in der Behandlung eine Rolle spielen und werden vor allem durch Kliniken begonnen und durchgeführt. Der Zugang dazu erfolgt gewöhnlich über Haus- und Fachärzte oder Psychotherapeuten. Oft sind die Hausärzte die ersten Ansprechpartner bei psychischen Problemen.

Was sind Probleme bei einer Therapie?
Ein großes Problem ist die zu geringe Verfügbarkeit und die langen Wartezeiten bei den meisten an der Versorgung psychisch Kranker beteiligten Stellen. Auch ist es für den Betroffenen nicht immer leicht, die richtige, und für ihn passende Behandlungsmöglichkeit zu finden, da zum Beispiel der erste Termin beim Psychiater nicht ganz schnell zu bekommen ist. Dabei kann ein Psychiater einerseits eine fachgerechte Diagnostik durchführen als auch über die Behandlungsmöglichkeiten aufklären, kennt die an der Versorgung beteiligten Personen und Institutionen vor Ort und kann auch selbst sowohl psychotherapeutisch als auch medizinisch behandeln. Auch Psychotherapeuten können die Indikation für Psychotherapie oder andere Behandlungsformen z.B. im Rahmen der psychotherapeutischen Notfallsprechstunden stellen. Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass der Begriff Psychotherapie nicht geschützt ist und deshalb nicht nur Ärzte und Psychologen mit entsprechender Klassifikation, sondern ganz unterschiedliche Behandler mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen unter dieser Bezeichnung firmieren und Ausbildung und Behandlung nicht immer wissenschaftlichen Kriterien standhält.

In der Behandlung können unterschiedliche Probleme auftreten, wie mangelnde Wirkung oder auch Nebenwirkungen aller möglichen Therapieform (auch Psychotherapie kann Nebenwirkungen haben), die Therapie ist dann zu Verändern oder Anzupassen. Leider setzt die Wirkung der meisten Therapien nicht sofort ein, so dass Geduld bei Betroffenen und Angehörigen gefordert ist.

Wie schützt man sich am besten vor einer Depression?
Wichtig sind eine gute Work-Life-Balance und ein gutes soziales Netz. Auch ist es sicher sinnvoll auf Anzeichen einer beginnenden Depression zu achten, und sich dann gegebenenfalls zu überlegen, ob man selbst Gegenmaßnahmen ergreifen kann, oder gleich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollte. Das Ignorieren erster Anzeichen einer psychischen Erkrankung ist sicherlich eine große Gefahr, der selbst Experten unterliegen, nach dem Motto: „sowas passiert mir doch nicht.“

Wenn man jemanden kennt, der depressiv ist, wie geht man mit diesen Menschen am besten um?
Wenn man bemerkt, dass jemand depressiv sein könnte, würde ich sie oder ihn auf meine Beobachtung ansprechen, wenn die Beziehung zum Betroffenen das erlaubt. Grundsätzlich ist es den meisten psychisch Kranken am liebsten, wenn sie ganz normal behandelt werden. Es gibt Menschen, die gehen mit ihrer Erkrankung sehr offen um und andere nicht. Bei Letzteren muss man das akzeptieren. Wenn Betroffene Hilfe annehmen, dann kann es nützlich sein, sie zu aktivieren und anzustoßen und damit zu helfen. Das geht immer nur mit Fingerspitzengefühl und in Absprache mit den Betroffenen. Wenn ein Außenstehender merkt, dass es einem Freund oder dem Partner nicht gut geht und dass etwas nicht stimmt, dann kann man das ruhig ansprechen und schauen wie die Person reagiert. In seltenen Fällen, wie akuter Suizidalität, kann es auch erforderlich sein, das Angehörige oder Freunde sich direkt an einen Behandler, eine Ambulanz oder Klinik oder den ärztlichen Notdienst wenden.

Ist Depression heute eine Volkskrankheit?
Depressionen sind, wie schon oben ausgeführt, sehr häufige Erkrankungen. Die Statistiken der Krankenkassen belegen eine deutliche Zunahme der Diagnosen von Depressionen in ihren Statistiken und auch eine Zunahme der Krankheitstage aufgrund dieser Diagnosen. Hier sind psychische Erkrankungen und darunter vor allem depressive Erkrankungen führend. Epidemiologische Studien zeigen oft keine gravierende Zunahme aber auch einen hohen Anteil depressiver Erkrankungen in der Bevölkerung. Deshalb kann man sicher zurecht über eine Volkskrankheit sprechen. Dass die depressiven Erkrankungen und auch andere psychische Erkrankungen mehr in den Focus der Öffentlichkeit gelangt, ist für eine Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen sehr wichtig, dadurch steigt auch die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen und entsprechende Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Zu wünschen wäre, das Gesundheitssystem und auch komplementäre Hilfssysteme dem gestiegenen Bedarf anzupassen. Auch sind präventive Angebote aus meiner Sicht auszubauen und behebbare häufige Ursachen psychischer Erkrankungen, wie zum Beispiel übermäßiger Stress in der Ausbildung und im Arbeitsleben oder ständige Überforderung, abzubauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tim Ende.

Interview Psychiatrie

Claudia Heuschneider, 52, ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und war über 20 Jahre im Bezirksklinikum Mainkofen, einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie, tätig. Jetzt ist sie Leitende Ärztin am Bezirkskrankenhaus Passau und spricht im Interview mit der Beratungsstelle über Vorurteile einer psychiatrischen Behandlung und gibt Einblicke in ihren Alltag.

Beratungsstelle: Im Bezirkskrankenhaus Passau gibt es eine „psychiatrische Institutsambulanz“ – was bedeutet das?
Claudia Heuschneider: Wir haben hier verschiedene Einrichtungen, die unter einem Dach betrieben werden. Einmal den stationären Bereich, in die Patienten stationär behandelt werden und die sogenannte Institutsambulanz, die ähnlich funktioniert wie eine Facharztpraxis für Psychiatrie und Psychotherapie. Der Unterschied ist, dass die Patienten, die in die Institutsambulanz kommen, in der Regel schwer und mehrfach psychiatrisch und körperlich erkrankt sind, so dass sie in der normalen Facharztpraxis nicht ausreichend behandelt werden können. Das Besondere an dieser Behandlungsform ist, dass sie umfassender ist. Es werden zum Beispiel zusätzlich Sozialpädagogen und aufsuchendes Pflegepersonal, das die Patienten zu Hause besucht, mit einbezogen.

Welche Behandlungsformen gibt es noch?
Wir sind eine Allgemein-Psychiatrie und versorgen alle psychiatrischen Krankheitsbilder. Insgesamt haben wir 60 stationäre und 30 tagesklinische Betten. Aufgrund dieser geringen Größe stoßen wir, trotz unserer Bemühungen alle psychiatrischen Krankheitsbilder zu versorgen, an Grenzen. Zum Beispiel was die Behandlung von schwer aggressiven Patienten angeht, weil wir baulich und personell dafür nicht ausgestattet sind. Auch ein geplanter Opiatentzug ist bei uns nicht möglich. Ansonsten versorgen wir alle Krankheitsbilder wie etwa Suchterkrankungen, Depressionen, Schizophrenie und Angstzustände.

Wie sieht die Behandlung in der Tagesklinik aus?
Das Programm in der Tagesklinik beginnt um 8 Uhr morgens und endet um 16 Uhr nachmittags. Die Patienten verbringen die Abende und die Wochenenden bei sich zu Hause. Während der Zeit in der Tagesklinik wird ein breites Programm angeboten. Es geht los mit einer Morgenrunde, in der geschaut wird, wie es den Patienten in der Gruppe geht. Am Vormittag finden weitere Gesprächsrunden, Einzelgespräche und Therapien wie Ergotherapie, also Beschäftigungstherapie, statt. Außerdem können die Patienten hier Sport machen. Dazwischen gibt es immer wieder Pausen, in denen die Patienten die Behandlung auf sich wirken lassen können. Die Biofeedback-Methode, also die Messung von körperlichen Reaktionen bei Patienten mit psychosomatischen, sprich psychisch bedingten körperlichen Problemen, hat sich in der Tagesklinik als hilfreich erwiesen. Die Tagesklinik dient aber auch dazu, Patienten, die lange in stationärer Behandlung waren, den Einstieg in den Alltag wieder zu erleichtern.

Ist die Angst vor psychiatrischer Behandlung in unserer Gesellschaft noch groß?
Die gibt es nach wie vor. Obwohl ich feststelle, dass die Hürde der Inanspruchnahme in den letzten 20 Jahren erfreulicherweise gesunken ist. In Mainkofen, wo ich lange Zeit tätig war und wo schwer depressive Menschen über einen längeren Zeitraum behandelt werden, kam vor der Entlassung eines Patienten häufig das Thema auf, wie mit der Behandlung im Nachhinein umgangen werden soll. Die Patienten haben überlegt, was sie anderen Menschen erzählen können, wo sie so lange Zeit waren. Viele Patienten haben mir danach berichtet, dass sie sehr erstaunt darüber waren wie wenig sie stigmatisiert wurden. Sondern, dass sie angesprochen wurden und sie oft mit Verständnis behandelt wurden. Nicht selten hätten zum Beispiel Nachbarn sich offenbart mit Sätzen wie „Mir ging es auch mal schlecht, ich oder mein Angehöriger musste auch schon mal Behandlung in Anspruch nehmen“. Man merkt durchaus, dass die Aufklärungsarbeit der letzten Jahre Wirkung zeigt.

Gibt es noch eine Tabuisierung und Vorurteile gegenüber psychiatrischer Behandlung?
Die Tabuisierung nimmt erfreulicherweise ab. Ein Vorurteil, dass in der Psychiatrie „bloß Medikamente verabreicht werden“ hält sich mit einer großen Hartnäckigkeit. Tatsächlich ist die Medikation bei manchen Erkrankungen eine sehr wichtige Säule der Behandlung und auch häufig unverzichtbar. Bei Schizophrenie ist eine Behandlung ohne Medikamente zum Beispiel kaum möglich. Und auch bei schweren Depressionen wird es ganz ohne Medikamente nicht gehen. Da ist oft viel Aufklärungsarbeit nötig, um die Menschen dazu zu motivieren, die Medikamente zu nehmen und ihnen zu erklären, dass sie notwendig sind, um die Patienten wieder in einen Zustand zu bringen, in dem sie sich mit ihren Problemen bewusst auseinanderzusetzen können. Die Tatsache, dass ein Mensch eine psychische Erkrankung entwickelt hat mit persönlichem Versagen oder Schwäche nichts zu tun.

Warum erzählt man meist nicht von seinen psychischen Erkrankungen oder dass man in Behandlung war?
Bei psychischen Erkrankungen ist häufig fehlendes Wissen über die Erkrankungen ein Problem, das dazu führt, dass Patienten die Schuld bei sich suchen und sich einreden, dass sie „nicht stark genug“ waren und deswegen erkrankt sind. So etwas würde man bei einer körperlichen Erkrankung selten tun. Dabei sind psychische Erkrankungen genau wie körperliche häufig ein „Schicksal“. Ganz überwiegend hat es nichts damit zu tun, welches Leben man geführt hat. Diese Selbstvorwürfe und das Gefühl selbst schuld zu sein, könnten Gründe sein, warum viele Betroffene nicht offen über ihre Erkrankungen sprechen.

Ab wann gilt jemand als krank?
Das Spektrum der Normalität ist sehr groß. Das heißt, was der eine als krank bezeichnen würde, ist für den anderen noch normal. Ich denke, dass man nicht alles als krankhaft bewerten sollte, was im Laufe des Lebens passiert. Denn es wird immer Zeiten geben, in denen man nicht leistungsfähig ist oder sich schlecht fühlt. Das ist nicht gleich Depression oder krank. Die Grenze dabei scharf zu ziehen, was krank ist und was nicht, ist schwierig. Ärzte und Therapeuten nutzen hier die internationalen Klassifikationen, in denen die Symptome zusammengetragen sind und nach denen Erkrankungen dann diagnostiziert werden.

Thema Angstzustände: Wann ist Angst noch normal und ab wann wird sie so stark, dass man sie behandeln sollte?
Ein sehr wichtiger Punkt ist die Frage: Inwieweit beeinträchtigt mich die Angst in meinem Alltag? Wie hindert sie mich daran, die Dinge zu tun, die ich eigentlich gerne machen möchte? Es gibt viele Menschen, die im Alltag Ängste haben, aber gelernt haben, mit ihnen zurecht zu kommen. Weiten sich diese Ängste allerdings so aus, dass man viele Dinge vermeidet oder nicht mehr das Haus verlässt, dann ist die Behandlungsnotwenigkeit erreicht.

Entwickeln sich solche psychischen Erkrankungen kontinuierlich oder treten sie plötzlich?
Sowohl als auch. Angst ist etwas ganz Natürliches und Wichtiges. Sie beschützt uns und hält uns am Leben. Menschen ohne Angst haben große Probleme in ihrer Lebensführung. Diese Menschen sind oft stärker beeinträchtigt, als Menschen die Angst empfinden können. Es gibt immer mal wieder Zeiten im Leben, da entwickeln Menschen plötzlich Ängste in bestimmten Situation. Aber es gibt auch allmähliche Entwicklungen.

Sind solche und andere psychischen Erkrankungen genetisch veranlagt?
Bei psychischen Erkrankungen gibt es, ähnlich wie bei körperlichen Erkrankungen, multifaktorielle Gründe. Die Genetik, also die Erbbarkeit, ist einer davon. Es gibt kein Gen, das für bestimmte psychiatrische Erkrankungen codiert. Aber eine gewisse „Verletzlichkeit“ oder Anfälligkeit, zum Beispiel ängstlich oder depressiv auf bestimmte Dinge oder Lebenssituationen zu reagieren ist möglicherweise auch genetisch bedingt. Besonders bei Ängsten gibt es aber auch familiäre Vorbilder. Eine sehr ängstliche Mutter kann bei Vorliegen noch anderer Ursachen die Entwicklung einer eigenen Angststörung mit bedingen. Den höchsten genetischen Anteil gibt es bei bipolaren Störungen, also bei manisch-depressiven Erkrankungen. Dennoch ist selbst bei diesen schweren Erkrankungen der genetische Anteil nicht so hoch, dass man diesen Personen davon abraten würde, eine Familie zu gründen.

Mit welchen Erkrankungen haben Studierende oft zu kämpfen?
Da psychische Erkrankungen keine Rücksicht auf Berufsgruppen nehmen, behandeln wir hier auch Studierende mit den verschiedensten psychischen Erkrankungen und Problemen. Wir haben Studierende, die eine Psychose entwickeln, manchmal substanzbedingte Psychosen oder die wegen einer depressiven Erkrankungen oder wegen einer Angsterkrankungen zu uns kommen. In der Tagesklinik haben wir immer mal wieder Studierende, die wegen psychosomatischen Erkrankungen kommen.

Welche Ursache haben diese Erkrankungen?
In der Tagesklinik finden sich häufiger Studierende, die generell etwas ängstlicher sind, die Prüfungsangst haben und allgemein unsicher sind. Die Tatsache, dass sie teilweise weit weg von zu Hause sind und sich an viel Neues gewöhnen müssen: die Selbständigkeit, das Studium, das vielleicht doch komplexer ist als erwartet, die Haushaltsführung, unerwartete Kontaktschwierigkeiten. Das kann dazu führen, dass sich Ängste und depressive Verstimmungen entwickeln können.

Was wäre ein erster Schritt, wenn man merkt, dass es einem nicht gut geht, dass man nicht mehr zu Prüfungen geht und sich immer mehr zurückzieht und daran etwas ändern möchte?
Betroffene können sich gerne direkt bei uns melden und sich Informationen über die Tagesklinik und entsprechende Behandlungsmöglichkeit einholen. Grundsätzlich ist, neben der psychologischen Beratungsstelle an der Universität, zum Beispiel der Hausarzt ein guter erster Ansprechpartner. Der kann schon gut einschätzen, welches Ausmaß vorliegt und entscheiden, ob der Patient ein leichtes Medikament, psychologische Begleitung oder doch eine psychiatrische Behandlung benötigt. Grundsätzlich sollte man keine Angst vor einer psychiatrischen Behandlung haben, denn das Vorurteil, dass man in der Psychiatrie „mit Medikamenten vollgestopft wird“, stimmt sicher nicht. Wir legen großen Wert darauf, dass man mit dem Patienten gemeinsam die Therapiemöglichkeiten bespricht und die hilfreichste Strategie festlegt, damit es dem Menschen baldmöglichst wieder besser geht, dazu gehört manchmal auch eine Medikation.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tim Ende.

Interview Rat und Hilfe für Angehörige

Jörg Stadler (Foto) berät auch Angehörige von psychisch Kranken.

Jörg Stadler ist Leiter der Beratungsstelle für psychische Gesundheit der Diakonie Passau, die für Stadt und Landkreis Passau zuständig ist. Rund 7% der Ratsuchenden, die im Jahr zu ihm kommen, sind Angehörige psychisch Kranker. Einige der Hilfe Suchenden haben laut Stadler diffuse Probleme – erst im Gespräch stellt sich heraus, dass das Problem aus der psychischen Erkrankung eines nahestehenden Menschen resultiert. Der 61-Jährige spricht im Interview mit der Beratungsstelle über die Auswirkungen von psychischen Krankheiten auf zwischenmenschliche Beziehungen und gibt Angehörigen Tipps, wie sie mit der Erkrankung ihrer Liebsten umgehen können.

Beratungsstelle: Woran erkenne ich, dass es jemandem nicht gut geht und derjenige eventuell psychisch erkrankt ist?
Jörg Stadler: Vor allem an Veränderungen im Verhalten des Menschen. Dabei gibt es meist zwei Muster, die das Aufkommen einer Krankheit andeuten können. Das eine ist, wenn jemand sich über einen längeren Zeitraum zurückzieht, sich seine Reaktionen verändern, wenn er also zum Beispiel empfindsamer wird, stark ängstlich oder leicht reizbar reagiert. Beim anderen Muster wird jemand sehr aufgedreht, beschäftigt sich mit irrelevanten Dingen, ist sehr aktiv oder zeigt ein übertriebenes sexuelles Verhalten. Das kann auf eine Psychose oder eine bipolare Störung hindeuten. Treten beide Muster oder eines über einen Zeitraum von zwei Wochen am Stück auf, ist Achtsamkeit geboten.

Wann sollte man das Problem ansprechen?
Lieber früher als später. Selbst wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass es keine Depression war, sondern nur eine depressive Verstimmung, zeigen Angehörige so Mitgefühl und Verständnis. Wichtig ist, dass das Problem immer offen und ehrlich und mit Respekt angesprochen wird. Vorwürfe sind fehl am Platz. Außerdem sollte man von sich selbst sprechen und nicht das wiedergeben, was andere beobachtet haben.

Wie spricht man die Erkrankung eines Familienmitglieds am besten an?
Genau so, mit Respekt, Offenheit und Ehrlichkeit. Eigentlich sollte in der Familie von Haus aus ein großes Verständnis und Vertrauen ineinander bestehen, sodass es leichter fällt, Probleme anzusprechen. Beispiele können etwa sein, wenn der Vater depressiv wird und sich nicht mehr für das Studium seiner Tochter interessiert oder die Mutter beim Auszug übertrieben ängstlich reagiert. Die Betroffenen sollten sich zunächst klarmachen, dass dieses Verhalten nicht gegen sie gerichtet ist. Es nicht persönlich zu nehmen mag bei solchen Beispielen schwerfallen, ist aber enorm wichtig, um den Familienmitgliedern helfen zu können.

Wie gehe ich mit jemanden um, der psychisch krank ist?
Eigentlich auch nicht anders als vorher. Zunächst sollte man sich klarmachen, wie nah man der Person steht, also ob es sich zum Beispiel um den eigenen Partner handelt. Die Auswirkungen der Erkrankung sind auch für einen selber eine enorme Belastung, das sollte man anerkennen. Psychische Erkrankungen beeinflussen die Beziehungsfähigkeiten von Menschen sehr stark. Es braucht hier wieder Offenheit, Ehrlichkeit und Wertschätzung im Umgang miteinander. Was nicht hilft sind gut gemeinte Tipps und Ratschläge. Denn die Erkrankten verhalten sich nicht merkwürdig, weil sie es wollen, sondern weil sie nicht anders können.

Wie kann man helfen?
Ein erster Schritt: sich über die Krankheit zu informieren. Also wie der Krankheitsverlauf aussieht, was die Symptome sind und wie die Behandlung aussieht. Denn wenn die Angehörigen darüber Bescheid wissen, haben sie auch ein besseres Verständnis für den Erkrankten. Wenn man offen über die Krankheit spricht, kann das dabei helfen, den Erkrankten seine Krankheit akzeptieren zu lassen. Des Weiteren kann man Eigenaktivitäten, die der Erkrankte zeigt, unterstützen, also wenn derjenige etwa spazieren gehen möchte.

Wo beginnt und endet die eigene Verantwortung einem psychisch Kranken gegenüber?
Ich glaube, man kommt nicht drum herum Verantwortung zu übernehmen, gerade weil psychische Krankheiten das Zusammenleben enorm (negativ) beeinflussen. Möchte man daran etwas ändern und an der Beziehung festhalten, wird man das Problem höchstwahrscheinlich ansprechen. Obwohl eigentlich jeder für sich selbst verantwortlich ist, an einer Beziehung sollte man gemeinsam arbeiten.

Inwiefern darf man die Erkrankten bei der Behandlung kontrollieren?
Wenn man davon ausgeht, dass sich die Angehörigen ausreichend über die Krankheit informiert haben, dann kann man über die Therapie und die Medikamenteneinnahme reden und sich darüber austauschen, also ob die Medikamente gut verträglich sind oder ob sie richtig eingenommen wurden. Wichtig ist die gemeinsame Basis, dann wird die Fürsorge vom Betroffenen besser akzeptiert.

Ab wann wird die Pflege für Angehörige zu einer zu großen Belastung?
Ich denke das merkt man recht schnell. Angehörige sollten sich stets die Frage stellen: Wie viel muss ich von meinem eigenen Leben für die Pflege des psychisch Kranken zurückstellen? Wenn es über 30% der eigenen Lebenszeit beansprucht, wird es schwierig. Die Stimmung kann dann möglicherweise in Aggressionen gegen den Erkrankten umschlagen. Dann sollte man sich fragen: Ist dieses Engagement noch angemessen? Wenn es das nicht ist, sollte man sich Hilfe holen. Selbsthilfegruppen haben sich dabei als sehr effektiv erwiesen, weil es gut tun zu erfahren, wie andere mit einer ähnlichen Situation umgehen.

Was gibt es zu beachten, wenn man mit jemanden zusammenlebt, der von einer psychischen Krankheit wieder genesen ist?
Auch hier ist es wichtig, offen miteinander zu reden. Hilfreich ist es auch den zuvor Erkrankten nach seinen Vorstellungen für das gemeinsame Zusammenleben in der Zukunft zu fragen, also ob es etwas Besonderes zu beachten gibt, oder wie man miteinander umgehen soll. Weiterhin wäre es gut, die Belastungsgrenzen des Genesenden zu kennen und anzuerkennen, um ihn nicht unabsichtlich mit bestimmten Aktivitätsvorschlägen unter Druck zu setzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tim Ende.

Interview Liebe und Partnerschaft

Dr. Gabriele Pinkl, 51, ist Sozialpädagogin und arbeitet als Mediatorin und Beraterin bei der Ehe- Familien- und Lebensberatung des Bistums Passau. Im Interview mit der Beratungsstelle spricht sie über zwischenmenschliche Beziehungen, die Schwierigkeit der Partnerwahl und formuliert ihre Gedanken, wie Betroffene mit einer Trennung umgehen können.

Beratungsstelle: Was wichtig sind Liebe und Zuneigung für Menschen?
Gabriele Pinkl: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne Sozialkontakte und ohne ein liebevolles Gegenüber verkümmert der Mensch oder stirbt. Wir kennen zum Beispiel die Situation von Kindern, die in Waisenheimen im damals diktatorisch geführten Rumänien aufgewachsen sind und bloß versorgt, ernährt und gewaschen wurden und denen sonst keine Zuneigung wiederfuhr. Die Folgen waren irreparabel. Manche Kinder sind gestorben oder haben schwere geistige Behinderungen davongetragen. Denn als Kind verschalten sich die Nervenbahnen miteinander. Es ist nötig, dass man gestreichelt und liebevoll behandelt wird, damit diese Verschaltung richtig funktioniert.

Das bedeutet für Eltern also, ihren Kindern grenzenlose Liebe zu schenken?
Kleinkinder befinden sich noch im Entwicklungsprozess und müssen deswegen erst lernen dürfen, dass wir Liebe und Zuneigung brauchen. Sie müssen lernen, diese Liebe und Zuneigung anzunehmen und sie müssen lernen, dass es sie nicht immer geben kann. Dass man nicht immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen kann und es auch Phasen gibt, in denen man alleine zurechtkommen kann. In der Verliebtheit werden diese als Kind gelernten Erfahrungen wieder aktiviert.

Was bedeutet Partnerschaft für Sie?
Wir brauchen für ein erfülltes Leben Beziehungen. Beziehungen zu unseren Eltern, zu unseren Geschwistern, zu unseren Freunden. Wir sehnen uns dabei auch nach engen, intimen Beziehungen, nach solchen die man als Paarbeziehungen versteht. Das hat immer etwas mit Exklusivität zu tun: Wir zwei und sonst niemand. Das geht aber nur bedingt. Nie kann jemand einem die ganze Welt ersetzten. Denn diese Vorstellung ist trügerisch. Für mich bedeutet Partnerschaft generell menschliches Zusammenleben. Sich gegenseitig zu unterstützen, Sinn zu erleben, Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei sollte man immer schauen, was der Partner einem geben kann und was nicht, und wie man damit umgeht.

Wie findet man einen guten Partner?
Ich glaube, da beginnt das Wunder der Welt. Wenn Klienten zu uns in die Beratung kommen und diese Frage stellen, frage ich die Klienten was sie zur Partnerfindung tun. Wo gehen Sie in Kontakt mit Menschen? Wo geben Sie dem Wunder der Begegnung eine Chance? Und sind das realistische Chancen? Denn manchmal stehen sich Menschen selbst im Weg und beschränken sich in der Partnerauswahl. Dann sollte man schauen, wo sich der- oder diejenige selber Fallen stellt und warum die Vorstellungen so eingeengt sind.

Was halten Sie von Dating-Portalen wie Tinder?
Ich finde, das ist eine Chance, Dinge zu nutzen, die wir heute haben. Früher haben sich die Leute zum Beispiel beim Landjugenball getroffen. Heute leben wir in einer pluralistischen Gesellschaft und es versammeln sich nicht mehr alle Leute im selben Alter an einem Ort. Man muss überlegen, wo man gleichgesinnte Leute trifft. Da kann ein Portal hilfreich sein. Aber ich finde, man sollte zuerst die Dinge in der analogen Welt abchecken. Denn Liebe muss immer analog gelebt werden. Wenn man zum Beispiel weiß, dass man eher auf sportliche Menschen steht, dann kann man in einen Sportverein gehen und dort suchen. Das Problem bei den Dating-Portalen ist – so erlebe ich es in der Beratung oft – dass sich viele Menschen mit zu großen Hoffnungen in solche Portale stürzen und dann enttäuscht werden. Denn was wir teilweise in diesen Portalen machen – uns den angeblich perfekten Partner kreieren – hat für mich oft Ähnlichkeiten mit „arrangierten Ehe“ hier virtuell arrangiert, und davon halte ich nicht so sehr viel.

Gibt es Liebe auf den ersten Blick wirklich?
Ich kenne Menschen, die behaupten das. Ich glaube eher an die Faszination auf den ersten Blick. Danach kann alles passieren. Die Meinung kann sich ändern und man fragt sich, was man damals am Gegenüber so gut gefunden hat. Es kann auch umgekehrt gehen, eine Liebe auf den zweiten Blick. Dass jemand einem früher nicht aufgefallen ist und dann plötzlich doch.

Funktioniert „Freundschaft Plus“?
In einer pluralistischen Gesellschaft haben wir mehr Möglichkeiten und dazu zählt auch Freundschaft Plus. Wenn es klappt, …..? Viele sind allerdings sehr unglücklich damit, weil es nicht so geklappt hat, wie sie es sich vorgestellt haben. Viele trauern anderen Möglichkeiten nach, die sie dadurch vernachlässigt haben. Jeder und jede muss sich fragen: Was erwarte ich und kann ich das in einer solchen Beziehung bekommen? Trauen wir uns in etwas hinein zu investieren und die Liebe wachsen zu lassen? Denn Liebe basiert auch auf Freundschaft, das darf man nicht vergessen.

Wie pflegt man eine Partnerschaft, wie erhält man eine gute Beziehung aufrecht?
Wir als Kirche haben natürlich eine besondere Meinung zur Ehe und damit zu partnerschaftlichen Beziehungen. Kirchliche Ehe ist angelegt auf Dauer, Verbindlichkeit und Exklusivität. In einer Beziehung sind Engagement, Zeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung wichtig. Wenn man nichts tut, um die Beziehung zu füttern und zu düngen, dann verdorrt sie. Wenn ich jammere, dass es keine romantischen Gelegenheiten gibt, aber nichts dafür tue, dass man sich trifft, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn es nicht klappt. In einer Partnerschaft leben zwar zwei Menschen zusammen, aber sie haben unterschiedliche Leben. Deswegen muss man sich immer verabreden, um sich zu treffen. Zum Austausch von Zärtlichkeiten oder einfach nur um sich zu unterhalten. Dabei sollte man aushandeln, wie viel Zeit die jeweiligen Partner füreinander brauchen. Der eine möchte vielleicht weniger, der andere mehr Zeit mit dem anderen verbringen. Denn selbst wenn man als Paar zusammenlebt, heißt das nicht, dass man wirklich Zeit miteinander verbringt.

Wenn einen etwas stört in einer Beziehung, wie spricht man das an?
Alles im Zusammenleben von Menschen muss ausgehandelt werden. Wie willst du es, wie will ich es? Frühstücken wir miteinander oder nicht? Welchen Sex haben wir und wann? Haben wir Kinder miteinander? Ich sage meinen Klienten: helfen Sie sich gegenseitig und sagen Sie was Sie wollen, bevor es Frust gibt. Das Zusammenleben in einer Beziehung besteht aus Kompromissen, die man aushandeln muss. Man muss sich Freiräume schaffen, aber auch gemeinsame Zeit einplanen.

Wenn es zu einer Trennung kommt: Wie geht man damit um? Wie lässt man los?
Wenn die Trennung nicht im gegenseitigen Einvernehmen stattfindet, dann entstehen Frust, Traurigkeit und Ärger. Ich meine, man kann niemanden zur Liebe zwingen. Man kann der Liebe eine Chance geben und es nochmal probieren. Aber wenn jemand nicht mehr will, dann geht es nicht. Wenn es also zur Trennung kommt, empfehle ich: Geben Sie Ihrer Trauer Raum und Zeit. Suchen Sie sich Gesprächspartner, mit denen sie darüber sprechen können, bei denen sie traurig sein können. Verzichten Sie auf Freunde, die sagen »Der war es eh nicht Wert«. Welchen Wert wir einem Menschen in unserem Leben geben, können andere ja nicht bestimmen. Der Trauer sollte angemessenen Raum geben werden. Wird sie nicht durchlebt, wird die Trauer Sie irgendwann wieder einholen. Dabei können Beratungsstellen helfen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tim Ende.

Interview HIV/AIDS

Trotz guter Behandlungsmöglichkeiten gibt es in Deutschland jährliche Neuinfektionen mit HIV. Foto: Eggersdorfer

Sabine Eggersdorfer ist die Leiterin der Aids Informations- und Beratungsstelle Niederbayern. Die Einrichtung, die in gemeinsamer Trägerschaft der Diakonie und der Caritas betrieben wird und die für ganz Niederbayern zuständig ist, feiert dieses Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum. Im Interview mit der Beratungsstelle spricht die 39-Jährige über die Gefahren von ungeschütztem Geschlechtsverkehr, die Vorurteile die in der Gesellschaft über HIV herrschen und wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann.

Beratungsstelle: Was ist Safer Sex und was nicht?
Sabine Eggersdorfer: Safer Sex ist, wenn man beim Geschlechtsverkehr nicht mit potentiell ansteckenden Körperflüssigkeiten in Kontakt gerät, wenn die Ansteckungsgefahr also gering ist. Das wäre etwas beim Oralverkehr oder beim Petting der Fall. Und natürlich beim Sex mit Kondom.

Wie schützt man sich effektiv vor Geschlechtskrankheiten?
Indem man Safer Sex praktiziert. Die Verwendung eines Kondoms bietet den besten Schutz. Ansonsten können Sexualpartner auch noch darauf achten, ob jemand etwa Bläschen im Intimbereich hat und dann auf Sex verzichten oder ein Kondom benutzen. Um Geschlechtskrankheiten vorzubeugen ist außerdem eine normale Körperhygiene mit regelmäßig duschen und waschen wichtig.

Gibt es sexuell übertragbare Krankheiten, die momentan wieder zunehmen?
Wir beobachten eine leichte Zunahme von Hepatitis-C-Fällen und von Syphilis. Allerdings sind das periodische Schwankungen, die es immer wieder gibt. Bei HIV ist die Anzahl der Neuinfizierten auf knapp 3000 im Jahr gesunken. Da ist auch ein Verdienst der guten Präventionsarbeit, die in Deutschland geleistet wird.

Wie spricht man das Thema Verhütung/Schutz in einer neuen Partnerschaft oder bei "Freundschaft Plus" am besten an?
Eigentlich sollte man unabhängig vom Vertrauensverhältnis zum Sexualpartner anfangs beim Sex immer ein Kondom verwenden. Denn Geschlechtskrankheiten sieht man den betroffenen Personen nicht an, deswegen ist die Gefahr einer Ansteckung immer gegeben. In einer Partnerschaft oder unter "Freunden" sollte man offen über das Thema sprechen. Manche Paare gehen am Anfang ihrer Beziehung auch gemeinsam zum HIV-Test. Denn es kann sein, dass die infizierte Person selbst noch gar nicht über ihre Erkrankung Bescheid weiß.

Was ist HIV/AIDS?
HIV ist das Virus mit dem man sich ansteckt und AIDS ist die Krankheit, die aufgrund der Virusinfektion ausbricht. Dabei wird das Immunsystem der Betroffenen zerstört, sodass sie sich nicht mehr vor Krankheiten von außen schützen können. Bis die Krankheit AIDS ausbricht können teilweise 10 bis 12 Jahre vergehen. Durch die guten Behandlungsmöglichkeiten in Deutschland bricht AIDS heutzutage aber kaum noch aus.

Wie steckt man sich an? Welche Mythen hinsichtlich der Ansteckung gibt es?
Ansteckende Körperflüssigkeiten - das sind Blut, Sperma, Scheidenflüssigkeit und Muttermilch - können durch Druck bzw. Reibung über Schleimhäute oder offene Wunden in den Körper eindringen. Durch Spucke kann das Virus genauso wenig übertragen werden wie etwa durch Zahnfleischbluten, Händeschütteln oder das gemeinsame Benutzen von Geschirr.

Welche Gruppen sind besonders gefährdet, sich mit HIV zu infizieren?
Vor allem homosexuelle Männer, weil die Darmschleimhaut sehr empfindlich und aufnehmend ist, sodass beim ungeschütztem Analverkehr ein hohes Ansteckungsrisiko besteht. Auch eine kleine Gruppe von Drogenabhängigen, die dasselbe Spritzgeschirr verwenden, sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Bei uns in der Beratungsstelle ist aber das ganze Spektrum der Gesellschaft vertreten.

Wenn man ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte und sich unsicher ist, ob man sich vielleicht angesteckt hat, wo gibt es Hilfe?
Bei einem One-Night-Stand, wo der begründete Verdacht auf eine HIV-Infektion des Sexualpartners besteht gibt es eine Art "Pille danach", die vom Arzt verschrieben werden kann und die vier Wochen lang eingenommen wird. Wichtig dabei ist, dass die Pille maximal 48 Stunden nach dem Sex eingenommen wird. Deswegen geht man am besten zu einem Infektiologen oder ins Krankenhaus. In Passau wäre das Klinikum ein Ansprechpartner.

Was kostet ein HIV-Test?
Beim Gesundheitsamt ist er kostenlos. Bei einem begründetem Verdacht ist er je nach Krankenkasse auch beim Arzt kostenlos. Ansonsten kostet er ca. 25 Euro. Aktuell setzten wir uns für die Einführung von Heimtests aus, die sich Betroffene selber bestellen und zu Hause durchführen können. Ich glaube, bei diesem Verfahren sinkt die Hemmschwelle, den Test zu machen, weil sich manche nicht trauen, zum Arzt zu gehen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es heutzutage gegen HIV?
HIV-positiv zu sein bedeutet heute längst kein Todesurteil mehr, wie es zu Beginn der Achtzigerjahre, wo die Krankheit das erste Mal auftrat, der Fall war. Heute gibt es so gute Medikamente, dass die Infizierten eine normale Lebenserwartung haben und ein normales Leben mit Arbeit und Familie führen können. Allerdings müssen die Medikamente ein Leben lang und regelmäßig eingenommen werden.

Gibt es auch heute noch Vorurteile und Stigmatisierungen gegen HIV-Infizierte?
Auch wenn sich medizinisch viel getan hat, gibt es auf der sozialen Ebene immer noch viel Ausgrenzung und Ablehnung. Das hat aber oft mit mangelndem Wissen in der Gesellschaft zu tun. Bei medizinischem Personal, das HIV-positiv ist, weigern sich etwa manche Patienten von ihnen behandelt zu werden. Oder besorgte Mütter wollen ihre Kinder nicht zum Spielen zu einer HIV-positiven anderen Mutter geben, weil sie Angst haben, das eigene Kind könne sich anstecken. Die Vorurteile resultieren oft aus Ängsten, die meist unbegründet sind. Andersrum ist die Angst vor Diskriminierung bei HIV-Infizierten allerdings meist größer als die tatsächlich erfahrene Diskriminierung. Diese hängt im Wesentlichen vom Umfeld ab. Im ländlichen Gebiet hemmen sich die Infizierten eher, offen zu ihrer Krankheit zu stehen als im städtischen Bereich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tim Ende.

Interview "Lernen lernen"

Sich bewusste Pausen gönnen ist wichtig für den Lernerfolg, sagt Dorothea Siller. Foto: Siller.

Dorothea Siller, 56, ist Förderlehrerin a.D und studiert im Master Geschichte an der Universität Passau. Sie hat rund 30 Jahre Berufserfahrung als Förderlehrerin und spricht im Interview mit der Beratungsstelle über Strategien zum Lernerfolg, wie man sich selbst motiviert und wie man innere Widerstände überwinden kann.

Beratungsstelle: „Lernen lernen“ – was bedeutet das?
Dorothea Siller: Es bedeutet kurz gesagt das Lernen zu erlernen. Im Kontext Schule – dieser Aspekt ist auch Teil einer universitären Ausbildung – bedeutet Lernen die Aufnahme und Verarbeitung neuer Bildungsinhalte und Erfahrungen. Man sollte diese planmäßig und je nach Notwendigkeit kurz- oder langfristig einprägen und situationsgerecht abrufen können. Dazu bedarf es der einen oder anderen Lerntechnik, einer Balance zwischen An- und Entspannung zur Regeneration und ‚Nachbearbeitung‘ im Gehirn. Man sollte sich also den Lernprozess bewusstmachen und darüber reflektieren.

Gibt es verschiedene Lern-Typen und wie unterscheiden sie sich?
In der Fachliteratur tauchen sechs Lerntypen auf, die aber nur selten in Reinform existieren. Die sechs Lerntypen sind ein pädagogisches Konstrukt und beziehen sich auf die Aneignung von Wissensinhalten im schulischen Kontext. Sie helfen als erster Anhaltspunkt sich über das eigene Tun bewusst zu werden. Es wird zwischen diesen Lerntypen unterschieden:

  • a) der auditive Lerntyp lernt seine Vokabeln leichter, wenn er sie hört oder nachspricht
  • b) der visuelle Lerntyp merkt sich Inhalte von Grafiken und mind maps besser als aus Texten oder zerlegt diese in kleinere Einheiten
  • c) der motorische Lerntyp braucht mehr Handeln, z. B. beim Gehen memorieren oder Experimente durchführen
  • d) der kommunikative Lerntyp lebt vom Austausch mit anderen, Reden und Zuhören
  • e) der personenbezogene Lerntyp braucht einen guten Lehrer/ein Vorbild, welcher beim Lernen für ihn da ist
  • f) der medienorientierte Lerntyp kann aus Medien virtuelle Inhalte leichter herausarbeiten, Lernprogramme und technische Geräte nutzt er für Wissenszuwachn

Wie lernt man selbstständig, ohne Anleitung und Lehrer?

  • Wertschätzen Sie Ihren individuellen Lerntyp und nutzen Sie ihn.
  • Arbeiten Sie möglichst multisensorisch, d.h. beziehen Sie mehrere Sinne ein anstatt nur in Ihre Aufzeichnungen zu sehen (laut dazu vorlesen, Karteikarten anfertigen)
  • Probieren Sie ein paar wenige Lernstrategien über zum Beispiel je eine oder zwei Wochen aus. Wenn es klappt, behalten Sie diese und bauen sie aus. Wenn nicht, versuchen Sie eine andere.
  • Akzeptieren Sie Ihren eigenen Biorhythmus. Lösen Sie sich ein Stück weit von der Vorstellung „Unter der Woche schuften - am Wochenende abfeiern“. Letzteres bringt Lern- und Leberstress. Lieber unter der Woche und am Wochenende in ausgewogenem Maß soziale Kontakte nach getaner Arbeit genießen und auch mal Ruhe/ Stille/ Nichts-tun einbauen.
  • Finden Sie einen ruhigen Arbeitsplatz für sich. Wenn möglich immer den gleichen/ähnlichen (zum Beispiel in der Bib). Denn das Gehirn mag Konstanten.
  • Zähmen Sie Ihr Handy. Nehmen Sie sich bewusst Zeit für Social-Media-Kontakte und Erledigungen, danach legen Sie es gezielt weg oder schalten es in den Flugmodus.

Wie entwickelt man sein eigenes Lern-System?
Sie brauchen mehr Kenntnis über sich selbst (Lerntyp, Biorhythmus, Dauer des Konzentrationsvermögens etc.) und Lernstrategien, die Ihnen wirklich nützen. Verschiedene Fächer erfordern unterschiedliche Strategien (Auswendiglernen von Faktenwissen, Berechnungen, Transferfragen etc.). Sie erhalten je nach Studiengang gute Informationen bei Ihrer Fachschaft. Finden Sie teamfähige Kommilitonen, die sich gerne mit Ihnen austauschen. Fragen Sie hier an unserer Universität nach einer psychologischen Beratung, welche auch Fragen zur Lernorganisation anbietet. Und es gibt eine Fülle an Literatur über Lernstrategien, die man ausprobieren kann.

Wie lange dauert es, bis man systematisch lernen lernt?
Beginnen Sie in kleinen Schritten. Nehmen Sie sich ein bis zwei Wochen vor, in denen Sie eine neue Strategie, einen Wochenplan ausprobieren. ‚Fehler‘ dabei sind die besten Lehrer, weil sie Ihnen Ihr Veränderungspotenzial aufzeigen. Man geht davon aus, dass das Gehirn für eine Verhaltensveränderung ca. sechs bis sieben Wochen benötigt, wenn man diese täglich konsequent einübt, um neue Strukturen aufzubauen. Danach gilt es durch Weitertraining diese zu verfestigen.

Wie geht man mit Ablenkungen um?
Werden Sie sich immer mehr bewusst, wann die Prokrastination bzw. der „innere Schweinehund“ wieder stärker war als Sie. Machen Sie einen „Deal“ mit ihm. Stellen Sie sich also Belohnungen nach der Übung oder am Ende des Tages in Aussicht. Seien Sie human zu sich selbst anstatt sich auch noch zu maßregeln. Bleiben Sie fest bei Ihrem Ziel, wenn Sie sich eine ablenkungsfreie Stunde einplanen (mit kleinen Einheiten anfangen und steigern).

Wie viel lernen am Tag/in der Woche ist „gesund“ bzw. nützlich?
Eine pauschale Antwort darauf oder ein Rezept dafür gibt es nicht, da es individuelle Unterschiede zwischen den Menschen gibt. Wichtig bleibt, dass man seine geistige und körperliche Gesundheit täglich im Blick behält. Es gibt Menschen mit höherem Bewegungsdrang als andere, Menschen mit mehr Kommunikationsbedürfnis als andere, Menschen mit mehr Stille-Bedürfnis als andere. Nützlich meint hier sicherlich, den geforderten Leistungsumfang zu erfüllen. Für mich ist Wissen eine enorm spannende Sache. Aber gönnen Sie sich auch den „Mut zur Lücke“. Wer in jedem Bereich immer 100% oder mehr geben möchte, legt zwangsläufig andere Bereiche des Lebens still.

Sie sind ausgebildete Förderlehrerin. Welche Erfahrungen in der Schule sind übertragbar auf die Universität?
Der Name Hochschule impliziert eigentlich schon, worauf es hinausläuft. Obwohl das Anforderungsniveau für Lerninhalte und Sprache, für deren Qualität und Quantität wesentlich höher ist, obwohl es sich um erwachsene Studierende handelt, bleiben doch zwei Konstanten gleich: zum einen der Arbeitsvorgang des Lernens und zum anderen der Mensch als mehr oder weniger Aufnehmender in all seinen individuellen Anlagen. Insofern lassen sich viele Lernstrategien, die seit den 1990ern bei uns in Fortbildungen und auf dem Büchermarkt boomen, durchaus anwenden bzw. auf universitäres Niveau transformieren.

Wie motiviert man sich am besten, wenn der Fleiß mal nachlässt?
Fleiß ist im Bestfall Ausfluss einer intrinsischen Motivation, die im Flow mündet. Manfred Spitzer behauptet, dass der Mensch an sich motiviert ist, Neues zu entdecken. Langeweile, Unerwünschtes oder Misserfolge können die Motivation dämpfen. Wir generieren auch extrinsische Ziele wie „Ich brauche/möchte diesen Abschluss, damit ich ein bequemes/gut situiertes Leben führen kann“, die uns zum Lernen veranlassen. Das Gehirn arbeitet aber nicht wie eine Maschine mit on/off-Funktion. Es braucht Zeiten zum Überarbeiten und Überdenken und Entspannen. Manchmal reicht ein Spaziergang, manchmal ein halber Tag ohne Schreibtisch, eine regelmäßige Sporteinheit, manchmal auch ein Wochenende bei entfernten Freunden. Nach meiner Erfahrung kann ich sagen, dass je disziplinierter man sich im Alltag Pausen und am Ende des Tages eine bewusste Entspannungseinheit gönnt, desto weniger entstehen Löcher von totaler Erschöpfung, für die es dann eine längere Phase der Erholung und Re-Motivation braucht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tim Ende.