Die Seminarreihe widmete sich der zentralen Frage, was Separatismus und Autonomiebestrebungen auf staatlicher Ebene kennzeichnet, welche Ausdrucksformen sowie Auswirkungen sich in konkreten Fallbeispielen zeigen. Prof. Dr. Wawra, Vizepräsidentin für Internationales und Diversity, begrüßte die Teilnehmenden. „Fragen von Separatismus und Autonomie haben trotz ihrer langen historischen Vorgeschichte bis heute nichts an Aktualität verloren. Gerade im Spannungsfeld von Identität, politischer Zugehörigkeit und Sicherheitspolitik zeigt sich die Relevanz des Themas in Europa heute besonders deutlich“, so Wawra.
Prof. Dr. Thomas Wünsch, Leiter der Initiative Perspektive Osteuropa, dankte dem DAAD sowie der Universität Passau für die Unterstützung bei der Durchführung der Tagung. In seiner Einführung unterstrich er die Bedeutung eines differenzierten Zugangs, der zwischen separatistischen Bewegungen und Autonomiebestrebungen unterscheidet. Anhand eines historischen Überblicks von der Zeit des Heiligen Römischen Reiches bis zur Habsburger Monarchie machte er deutlich, dass viele Staaten in Europa und darüber hinaus durch heterogene politische, sprachliche, religiöse und rechtliche Strukturen geprägt seien und damit grundsätzlich ein Potenzial für separatistische Konflikte in sich trügen. Zudem diskutierte er unterschiedliche Formen politischer Ordnung und Autonomieregelung anhand konkreter Beispiele, darunter föderale Modelle wie in der Schweiz, Formen formalen Zusammenhalts wie im früheren Jugoslawien sowie separatistische Entwicklungen wie im Fall des Kosovo. Dabei stand insbesondere die Frage im Vordergrund, wie Gesamtstaaten auf Unabhängigkeitsbestrebungen reagieren und welche politischen Wege zur Konfliktbearbeitung offenstehen.
Zwei Abendveranstaltungen rückten am 5. und 7. Mai 2026 zentrale Fragen des zeitgenössischen Europas in den Mittelpunkt. Zum Thema „Sezession und EU- Integration – Gegensätze oder zwei Seiten einer Medaille?“ sprach Dr. Sören Keil (Professur für Internationale Politik) über das Spannungsverhältnis zwischen Sezessionsbewegungen und europäischer Integration. Sein Fazit: „Europäische Integration führt nicht nur zu einer Vertiefung gemeinsamer Strukturen, sondern auch zu Kompetenzverschiebungen und Anpassungsprozessen innerhalb der Mitgliedstaaten.“ Die zentrale Botschaft ist klar: Wir sollten dringend mehr über die EU als föderales System reden und Föderalismus als Integrationstheorie wiederbeleben.
Im Vortrag „Oberschlesische Bewegungen – Ideen einer territorialen und kulturellen Autonomie“ sprach Dr. habil. Jerzy Gorzelik, Kunsthistoriker und Vorsitzender der Bewegung für die Autonomie Schlesiens (Ruch Autonomii Śląska, RAŚ), über die historischen Wurzeln sowie die aktuelle Dynamik der oberschlesischen Autonomiebewegung und zeichnete ein detailliertes Bild über die Herausbildung der oberschlesischen Gruppenidentität seit dem 19. Jahrhundert.
Beide Vorträge leisteten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen in Europa. Die Veranstaltungen endeten jeweils mit intensiven Diskussionsrunden, in denen das Publikum vertiefende Fragen stellte und lebhaft mit den Experten diskutierte.
Das DAAD-Sommerseminar wird durch die Initiative Perspektive Osteuropa am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen (Prof. Dr. Thomas Wünsch) organisiert und durch den DAAD im Rahmen des DAAD-Alumni-Programms aus Mitteln des Auswärtigen Amts gefördert. Weitere Informationen: https://www.uni-passau.de/perspektive-osteuropa