•   Adel in Schlesien
Adel in Schlesien

Adel in Schlesien

Herzlich willkommen auf der Homepage des Forschungsprojekts „Schlesischer Adel im 20. Jahrhundert. Krisenerfahrung, Elitentransformation und Gedächtnis im Zeitalter der Extreme“.

Das Forschungsprojekt setzt die erfolgreiche Arbeit, die der Forschungsverbund „Adel in Schlesien - Szlachta na Śląsku“ seit 2005 für die Zeit vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert geleistet hat, für das 20. Jahrhundert fort. Die Förderung des Projekts erfolgt durch Mittel des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM). Die Ergebnisse der Forschungen sollen als Teil der unter der Ägide von Mathias Weber (BKM) herausgegebenen Reihe „Adel in Schlesien - Szlachta na Śląsku“ des Oldenbourg-Verlags der Öffentlichkeit zugänglich werden.

Unser Forschungsprofil:

Wir sehen uns als Teil der jüngeren historischen Adelsforschung, die ihren Gegenstand als Elitengeschichte im Kontext einer breit verstandenen Gesellschaftsgeschichte untersucht. Im Mittelpunkt steht insbesondere eine erinnerungs- und generationengeschichtliche Betrachtung des vertriebenen und geflohenen schlesischen Adels, aber auch die Aneignung und Rekonstruktion der materialen Kultur (Schlösser und Gutshäuser, Parks, Bibliotheken und Sammlungen) des schlesischen Adels als Gedächtnisorte im kommunistischen Polen.

Aus der Projektarbeit: Ausschnitt aus einem Interview mit Gotthard Graf von Ballestrem vom März 2012

Transkript

Graf G. v. Ballestrem:
Durch das Aufwachsen in Friedrichswalde, in Niederschlesien, in großer Behütetheit und in einer gewissen Abgeschiedenheit - man war doch sehr getrennt von dem kleinen Dorf - hat sich herausgebildet, dass [wir uns in] unser[em] Lebensstil doch, wie wir dann immer wieder feststellen konnten, als wir in der Schule oder wenn wir im kleinen Städtchen waren, von den anderen recht unterschieden.

Wir sind dann im Januar '45 geflüchtet, und waren nach einem Aufenthalt in Niederbayern, in Herbstein, im schönen Vogelsberg in Oberhessen, wo die Schwester meines Vaters einen kleinen Waldbesitz hatte, der heute noch besteht und den mein Vater lange Zeit bis zu seiner Pensionierung verwaltet hat. Dort sind wir in die Volksschule gegangen. Selbst damals als wir ohne Schloss und sonstige Attribute von eventuellem Wohlstand oder Reichtum - wie mein Vater sagte: Arm wie die Kirchenmäuse - und ein bescheidenes Leben, mein Vater als Förster wir als Schüler, führten, selbst da stellte sich heraus, dass wir von vielen - wir Kinder von anderen Kindern - als anders angesehen und erlebt wurden.  Das hat sich durch alle möglichen weniger ins Auge fallenden Ereignisse dokumentiert, was erwähnenswert ist, ist vielleicht, dass wir in einer gewissen Eskalation eines solchen Unterschiedes oder [in] einer Gemütsaufwallung in der großen Pause in der Schule an die Wand, an die Häuserwand gestellt worden sind, mein ein Jahr älterer Bruder und ich, und die Leute - die anderen Schüler - uns mit Steinen beworfen haben. [Schnitt]

Wir haben dann dort als Flüchtlinge gelebt, doch mit großer Lebensmittelknappheit, wo ich mit dem Milchkännchen zu den Bauern geschickt worden bin, um praktisch um Milch zu betteln. Wir konnten es zwar bezahlen, aber das spielte keine Rolle - eine Rolle spielte, ob man überhaupt etwas ab bekam - oder ab und zu mal ein oder mehrere Eier zu ergattern, oder ein Stück Wurst. Es war auch sehr merkwürdig für mich als Kind zu sehen, wie der Vater mit einem doch sehr gestreckten, merkwürdigen Brot und einer sehr merkwürdigen Marmelade dünn bestrichen im Kreise seiner Holzhauer saß (damals gab es noch 14 Holzhauer, die über Winter im Wald arbeiteten) die dann von ihren dicken Speckseiten abschnitten und ihr gutes selbstgebackenes Bauernbrot auspackten; und wie wir dann erleben konnten, dass der eine oder andere schüchtern fragte, ob er uns Kindern ein Stück Wurst abgeben könnte, oder ob der Vater - sie hatten eine gewisse Scheu davor, weil der Vater doch sehr hoch bei ihnen rangierte - eine Speckseite von ihnen annehmen würde.

Allmählich verbesserten sich die Verhältnisse und wir kamen dann schließlich ins Gymnasium nach Fulda. Selbst dort - ich weiß nicht ob es Sexta oder Quinta war - als ich mich einmal beim Turnunterricht verletzte, behauptete doch ein Mitschüler ganz ernsthaft, er hätte gesehen, dass mein Blut blau wäre.“

 

Anmerkung: Das Video wurde im Anschluss an eine Interviewsitzung getrennt aufgezeichnet.

Gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

Förderung

Gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

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