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DFG-Forschungsprojekt „Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Vietnam"

Ändert sich die Darstellung der vietnamesischen Geschichte? Im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts untersuchen Wissenschaftler der Universität Passau und der Vietnam National University Hanoi, inwiefern die Öffnungspolitik Vietnams Auswirkungen auf die Darstellung der vietnamesischen Geschichte hat. Das von Privatdozent Dr. Martin Großheim geleitete Projekt wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell gefördert.

Geschichtspolitik ist im öffentlichen Raum in Vietnam allgegenwärtig: Das Bild zeigt ein Plakat im Stadtzentrum von Hanoi (2007): Sẵn sàng bảo vệ tố quốc! = Bereit, das Vaterland zu verteidigen.
Geschichtspolitik ist im öffentlichen Raum in Vietnam allgegenwärtig: Das Bild zeigt ein Plakat im Stadtzentrum von Hanoi (2007): Sẵn sàng bảo vệ tố quốc! = Bereit, das Vaterland zu verteidigen.

Seit Beginn der Reformpolitik in Vietnam in den 1980er Jahren hat die vietnamesische Führung ihre Kontrolle des öffentlichen Raumes und des Privatlebens der Bürger gelockert, was zu einer Transformation der vietnamesischen Gesellschaft geführt hat. Dieser Prozess ist durch Vietnams Öffnungspolitik noch weiter verstärkt worden.

Die internationale Forschergruppe geht der Frage nach, ob diese Entwicklungen Auswirkungen auf die Geschichtspolitik in Vietnam haben: „Es wird untersucht, ob vietnamesische Geschichtsfachzeitschriften, Schulbücher, Websites, Museen und historische Stätten in Vietnam zum Ort nationaler und transnationaler historiographischer Debatten geworden sind und ob die offizielle Parteihistoriographie begonnen hat, die Repräsentation der vietnamesischen Geschichte neu auszurichten", erläutert Projektleiter PD Dr. Großheim.

Auf der Suche ist das Forscherteam dabei insbesondere nach Belegen für eine Neubewertung wichtiger Themenfelder in den ersten 25 Jahren des Reformprozesses (1986-2011). Lässt sich im staatlich propagierten Geschichtsbild eine Abwendung vom Primat des Klassenkampfes und hin zur Legitimierung jüngerer marktwirtschaftlicher Reformen erkennen? Wie ist der Umgang mit Brüchen in der Geschichte der Kommunistischen Partei Vietnams, ein Themenfeld das bislang weitgehend ignoriert wurde? Hat sich die Darstellung der Kriegserfahrung verändert?

Untersucht wird auch, inwieweit der vietnamesische Staat die neuen Medien nutzt, um seine Geschichtsversion zu propagieren. Neben Fachforen im Internet und offiziellen Webseiten sind auch Youtube-Kanäle sowie vietnamesisch-sprachige TV-Sender mögliche Quellen. Um Zugang zu weiteren „analogen" Quellen zu erhalten, sind mehrere Reisen nach Vietnam geplant, unter anderem der Besuch der neugegründeten Erinnerungsstätte des Museums für öffentliche Sicherheit in Tuyen Quang, ca. 100 km nordwestlich von Hanoi. PD Dr. Großheim kann hierbei direkt an Ergebnisse seines letzten Forschungsprojekts anknüpfen: Am renommierten Wilson Center in Washington forschte er bis vor kurzem zur Rolle der DDR- Staatssicherheit bei der Modernisierung des vietnamesischen Sicherheitsapparates und damit auch beim Aufbau und Erhalt des vietnamesischen Einparteienstaates zwischen 1960 und 1989.

Die Reisen nach Vietnam dienen auch dem Austausch mit den vietnamesischen Projektpartnern in Hanoi: Professor Dr. Pham Hong Tung, Direktor des Institute of Vietnamese Studies and Development Sciences der Vietnam National University Hanoi, Professor Dr. Pham Quang Minh, Vizepräsident der University of Social Sciences and Humanities, Vietnam National University Hanoi sowie Professor Dr. Phan Huy Le, Präsident des Verbands Vietnamesischer Historiker. Passau kennen die Projektpartner sehr gut: Sowohl Prof. Pham Hong Tung als auch Prof. Pham Quang Minh haben an der Universität Passau studiert, Prof. Phan Huy Le hat mehrmals an Konferenzen in Passau teilgenommen.

PD Dr. Martin Großheim studierte ebenfalls in Passau Südostasienkunde. Von 1987 bis 1988 war er Sprachenstipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Fakultät für Vietnamesische Sprache, Hanoi. Er promovierte 1996 an der Universität Passau mit einer Arbeit über „Nordvietnamesische Dorfgemeinschaften: Kontinuität und Wandel. Vom Beginn der Kolonialzeit bis zum Ende der Vietnamkriege." Als wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Postdoc Fellow war er zudem am Centre for East and Southeast Asian Studies der Lund University in Schweden sowie der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. 2009 habilitierte er sich an der Universität Passau. Weitere Stationen führten ihn als Vertreter des Lehrstuhls für Geschichte und Gesellschaft Südostasiens erneut an die Humboldt-Universität zu Berlin sowie als Visiting Associate Professor nach Japan an das Research Institute for Languages and Cultures of Asia and Africa der Tokyo University of Foreign Studies. Nach seinem Aufenthalt als Fellow des History and Public Policy Programms des Wilson Centers Washington ist er jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Südostasienkunde der Universität Passau und leitet das Forschungsprojekt „Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Vietnam".

Für die Projektfinanzierung ist es PD Dr. Großheim gelungen, eine DFG-Förderung für drei Jahre einzuwerben. Das entsprechende Förderprogramm richtet sich gezielt an Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler nach der Promotion. Sie sollen mit der DFG-Förderung in die Lage versetzt werden, sich ausschließlich und eigenständig dem beantragten Forschungsvorhaben in Vollzeit widmen zu können ohne anderweitigen Verpflichtungen an der Universität nachgehen zu müssen. Ziel ist es unter anderem auch, die Karrierewege des wissenschaftlichen Nachwuchses an der Universität und im Bereich der Drittmittelforschung zu stärken, da Drittmittelakquise, Forschungs- und Publikationstätigkeit immer wichtiger werden für die weitere wissenschaftliche Karriere.

Anja Schuster | 28.08.2014

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