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Passauer Kulturwissenschaftler mit Dissertationspreis ausgezeichnet

Stephan Karschay, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Englische Literatur und Kultur, ist mit dem Britcult-Award 2013 der Deutschen Gesellschaft für das Studium Britischer Kulturen ausgezeichnet worden. In seiner Doktorarbeit hat sich Stephan Karschay mit Repräsentationen der Abweichung und der Normalität im wissenschaftlichen Diskurs des 19. Jahrhunderts und dem spätviktorianischen Schauerroman in Großbritannien beschäftigt.

Stephan Karschay

In seiner Dissertationsschrift, Deviant Subjects: Degeneration, Normativity and the Gothic at the Fin de Siècle, spürt Stephan Karschay Fragen nach, die nicht nur im Kontext des ausgehenden 19. Jahrhunderts von Interesse sind, sondern aktuelle Relevanz haben. Was versteht man unter Normalität? Ab wann nehmen wir abweichendes Verhalten als nicht mehr normal war? Wer zieht die Grenze zwischen Norm und Abweichung? „Der spätviktorianische Schauerroman verhandelt diese Fragen auf hoch kreative Weise und schafft mit seinen vielgestaltigen Monstern – darunter Doppelgänger, Vampire, Rieseninsekten – eine Projektionsfläche für soziale wie kulturelle Ängste im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts“, erklärt der Kulturwissenschaftler.

Das ‚Andere’ wurde im 19. Jahrhundert regelmäßig als das Degenerierte, also als das von einer gesunden Norm Abweichende, gedacht – ein Verständnis das im 20. Jahrhundert bekanntlich in der menschenverachtenden Entartungsideologie des Nationalsozialismus gipfelte. Von Charles Darwins Evolutionstheorie beeinflusste Ärzte entwickelten in der Zeit des Viktorianismus Theorien, die eine physiologische Erklärung für sozial abweichendes Verhalten liefern sollten. In den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts fanden diese wissenschaftlichen Überlegungen Eingang in die Literatur, insbesondere in spätviktorianische Schauerromane (engl. Gothic novel) wie u. a. Robert Louis Stevensons Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde, Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray und Bram Stokers Dracula.

„Die von mir untersuchten wissenschaftlichen Texte und fiktionalen Romane weisen bei genauer Betrachtung vergleichbare Denkstrukturen über das ‚Nicht-Normale‘, und deshalb Beängstigende, auf. Es war mir wichtig, mit meinem kulturwissenschaftlichen Ansatz zu zeigen, wie sich Diskurse in einer Gesellschaft herausbilden, ausbreiten und allmählich verändern“, so Stephan Karschay über seine Forschung. „Wann immer wir etwas als ‚abnormal‘ bezeichnen, sollten wir uns fragen, was uns als Maßstab für unser abwertendes Urteil dient. Phänomene, die dem 19. Jahrhundert als pervers oder gar monströs erschienen – wie beispielsweise die Emanzipationsbemühungen von Frauen, gleichgeschlechtliche Liebe oder ungewöhnliche Spielarten der Sexualität – sind heute zumindest in westlichen Gesellschaften als normaler Teil des Lebens akzeptiert. Da es aber weiterhin subtile Formen der gesellschaftlichen und kulturellen Ausgrenzung gibt, darf man nie aufhören, seine Vorstellungen von Normalität zu hinterfragen.“    

Für seine innovative Arbeit, die von Prof. Dr. Bernd Lenz betreut wurde, hat die Deutsche Gesellschaft für das Studium Britischer Kulturen Stephan Karschay ausgezeichnet. Der Preisträger nahm die Auszeichnung am 31. Oktober 2013 im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für das Studium Britischer Kulturen, die an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand, entgegen. In seiner Laudatio betonte Prof. Dr. Christian Huck von der Christian-Albrechts-Universität Kiel die Stärken von Stephan Karschays Studie: „Dem Autor gelingt es in bestechender Klarheit, komplexe nicht-literarische Diskurse zu rekonstruieren, ohne diese zu vereinfachen. Karschays Studie wirft ein neues Licht sowohl auf zentrale literarische Texte des 19. Jahrhunderts als auch auf Denkstrukturen, die das 20. Jahrhundert geprägt haben.“

Mit dem alle zwei Jahre verliehenen Britcult-Award, der der gezielten Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses dient, werden herausragende Dissertationen und Habilitationen aus dem Bereich der anglistischen Kulturwissenschaft gewürdigt.

Informationen zu Stephan Karschays Lebenslauf finden Sie auf der Internetseite des Lehrstuhls

Rückfragen zu dieser Pressemitteilung richten Sie bitte an Stephan Karschay, Tel. 0851/509-2795

Katrina Jordan | 09.12.2013

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