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Passauer Mathematik-Professor ist Weltmeister im Fernschach



Prof. Dr. Martin Kreuzer

Professor Dr. Martin Kreuzer, an der Universität Passau Inhaber des Lehrstuhls für Mathematik mit Schwerpunkt Symbolic Computation, ist mit der deutschen Mannschaft Weltmeister im Fernschach geworden. Die Olympiade läuft zwar noch und die Siegerehrung findet erst im September in Bulgarien statt, aber die deutsche Mannschaft liegt bereits uneinholbar vorn. Für Professor Kreuzer ist es bereits die dritte Goldmedaille im Fernschach.

Elf Mannschaften treten in der Endrunde der Fernschach-Olympiade gegeneinander an: In der derzeit laufenden 13. Endrunde spielt die deutsche Mannschaft gegen Teams aus Brasilien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Österreich, Polen, Russland, aus der Slowakei, der Tschechischen Republik und aus den USA. In jeder Mannschaft spielen sechs Spieler, in der deutschen neben Professor Martin Kreuzer der Münchner Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Robert von Weizsäcker (Sohn des früheren Bundespräsidenten), zwei Patentanwälte, ein Musikinstrumentenbauer und ein Selbständiger. Kreuzer spielt auf dem "dritten Brett" gegen die jeweiligen dritten Bretter der anderen zehn Mannschaften - also zehn Spiele parallel. "Ich hätte auch auf dem ersten Brett spielen können, aber dafür bräuchte ich mehr Zeit. Auf dem ersten Brett spielen praktisch nur Weltmeister gegeneinander. Das ist dann schon richtig anstrengend", sagt Kreuzer. Auch so investiert er viel Freizeit in die Olympiade: "Fünf bis sechs Stunden Denkzeit pro Spielzug sind normal." Früher wurden die Spielzüge per Postkarte ausgetauscht, während der laufenden 13. Olympiade hat man sich geeinigt, auf E-Mail umzusteigen. "Als bei vergangenen Olympiaden arabische Mannschaften dabei waren, dauerte es auf dem Postweg immer besonders lang. Die seltsamen Zahlen- und Buchstabenkombinationen, mit denen wir unsere Spielzüge angeben, gaben den Geheimdiensten offenbar viele Rätsel auf", schmunzelt Kreuzer. Der Umstieg auf E-Mail macht die Spiele natürlich auch schneller: Die 14. Olympiade, die von Anfang an per E-Mail und dann direkt über einen gemeinsamen Server ausgetragen wurde, ist sogar schon beendet - während die 13., die im Jahr 2004 begonnen hat, noch läuft. Die 10. Fernschacholympiade ging als besonders kuriose in die Geschichte ein: Sie begann 1987 und dauerte acht Jahre. Die Mannschaft der DDR erhielt 1995 die Bronzemedaille - fünf Jahre nach der Wiedervereinigung.

Martin Kreuzers Schachlaufbahn begann 1974 als 12-Jähriger in Kelheim. Dort belegte er einen Kurs beim Kelheimer Schachclub, dessen Mitglied er heute noch ist und dessen Vorsitzender er lange Jahre war. 1978 begann er dann mit Fernschach. 1985 wurde er deutscher Juniorenmeister und danach schließlich in die deutsche Auswahlmannschaft berufen. Seit 1981 spielt er am ersten Brett der bayerischen Landesliga, 1989 wurde er erstmals zu Großturnieren eingeladen: eine besondere Ehre, weil hier nur die besten Spieler ausgewählt werden. Seit 1994 trägt er den Titel Großmeister und darf bei internationalen Großmeisterturnieren mitspielen.

Ausrichter der Olympiade ist der Internationalen Fernschachverband ICCF, der auch die Regeln festlegt. Die Bedenkzeit im Fernschach wird in Tagen gemessen und ist begrenzt. Gerade bei der Olympiade, bei der jeder Spieler zehn Spiele parallel spielt, entsteht ein gewisser Druck: "Man hat so gut wie immer Postkarten oder E-Mails zu Hause liegen und ist am Zug", sagt Kreuzer. Jeder Spieler hat pro Jahr 30 Tage Fernschachurlaub, in der die Zeitmessung ruht. "Teilweise lasse ich mir sogar die Karten in den Urlaub hinterherschicken. Aber irgendwann brauche ich auch mal eine Auszeit.

Ist Fernschach ein Spiel für Einzelkämpfer? "Keineswegs!", sagt Kreuzer. Die deutsche Mannschaft trifft sich zwei Mal im Jahr. Dabei werden einzelne Partien der Spieler gemeinsam analysiert. "Vor allem aber für den Mannschaftsgeist sind solche Treffen enorm wichtig", betont Kreuzer. Viele Partien aus der Fernschach-Olympiade nimmt er auch zu Abenden im Schachclub mit. "Dort sitzen wir dann gemeinsam ums Brett und tüfteln an möglichen künftigen Strategien."

Was denkt der Schachspieler und Mathematiker über Schachcomputer?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen seinem wissenschaftlichen Fachgebiet, der Mathematik, und dem Schachspiel? "Beim Schachspiel ist viel Kreativität gefragt, die ist auch in der Mathematik nötig", meint Kreuzer. "Viele sehr gute Schachspieler sind außerdem Musiker oder zumindest musikalisch sehr begabt." Auch in seinem Fach lassen sich Bezüge zum Schachspiel herstellen: Einer seiner Studenten entwickelt in seiner Bachelorarbeit eine sogenannte Endspieldatenbank: Der Computer errechnet damit bei bestimmten Spielkonstellationen die maximale Zugzahl bis zum Matt - und zwar nicht nur bei fünf oder sechs, sondern bei dreißig, vierzig oder mehr Zügen. Kreuzer, der selbst auch solche Datenbanken entwickelt hat, kann damit in so mancher Partie seinen Gegner beeindrucken, wenn er plötzlich mitten im Spiel "Matt in 49 Zügen" ankündigt. Überhaupt: Schach und Computer. Was hält Professor Martin Kreuzer von Schachcomputern? Für ihn und das Fernschach überhaupt sind sie eine große Unterstützung: Der Computer hilft schon einmal, logisch fehlerhafte Züge zu verhindern und dokumentiert den jeweiligen Stand der Partien, auch mögliche Spielvarianten rechnet er mit dem Computer durch. "Aber gerade bei sehr langfristigen Strategien sind gute Spieler dem Computer immer noch deutlich überlegen. Bei der Fernschach-Olympiade hätte ein Schach-Computer keine Chance." Viel errechnet sich Kreuzer ohnehin auf dem Papier. Seine längste Analyse umfasste 96 handgeschriebene Seiten.

Zur Person
Prof. Dr. Martin Kreuzer ist seit 1. Oktober vergangenen Jahres Inhaber des Lehrstuhls für Mathematik mit Schwerpunkt Symbolic Computation an der Universität Passau.

Kreuzer wurde 1962 in Ihrlerstein geboren und ist somit ein waschechter Niederbayer. Eine besondere Begabung für die Mathematik war bei ihm früh ausgeprägt: Von 1979 bis 1981 war er dreimal Bundessieger im Bundeswettbewerb Mathematik und 1981 gewann er mit der deutschen Mannschaft bei der Internationalen Mathematik-Olympiade eine Silbermedaille.
 
Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören die Computeralgebra, die Mathematische Kryptographie, die Algebraische Geometrie und die Kommutative Algebra. Dabei legt Prof. Kreuzer einen besonderen Wert auf die Computeralgebra. Eines seiner Projekte ragt dabei ganz besonders hervor: Im Rahmen einer Kooperation mit einem Ölkonzern sollen die Gesamtausbeute bei der Ölförderung verbessert und die Suche nach neuen Ölfeldern erleichtert werden. Ein Projekt, das angesichts wachsender Nachfrage nach Energie und dem absehbaren Ende der weltweiten Erdölreserven von besonderer Bedeutung ist.

 
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Hinweis an die Redaktionen: Rückfragen zu dieser Pressemitteilung richten Sie bitte an Prof. Dr. Martin Kreuzer, Tel. 0851/509-3120, oder an die Pressestelle der Universität Passau, Tel. 0851/509-1430, E-Mail: pressestelleatuni-passau.de. Ein Foto von Professor Dr. Martin Kreuzer kann bei der Pressestelle angefordert werden.

Thoralf Dietz | 26.06.2008

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