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Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien: Universität Passau untersucht Programme der Arbeitsmarktpolitik

Die Perspektivlosigkeit der Jugend löste 2011 die Revolution in Tunesien aus. Die Situation hat sich seither nicht verbessert. Im Gegenteil: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 35 Prozent. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Grimm begleitet nun Teilnehmende einer Pilotmaßnahme, das helfen soll, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Jugendarbeitslosigkeit ist eine der größten Herausforderungen vieler aufstrebender Länder, so auch in Tunesien. In ländlichen Gebieten ist laut des jüngsten Weltbank-Berichts jeder dritte junge Tunesier arbeitslos, bei jungen Frauen ist es sogar jede zweite. "Hier wurde es nicht geschafft, Nischen im Weltmarkt zu finden. Der strukturelle Wandel hin zu einer modernen Ökonomie ist zum Halten gekommen", begründet Prof. Dr. Michael Grimm, Lehrstuhlinhaber für Development Economics an der Universität Passau. Als Konsequenz seien die fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten ein Grund für die instabile politische, wirtschaftliche und soziale Lage in Tunesien. 

Das Tunesische Arbeitsministerium versucht seit mehreren Jahren, dagegen vorzugehen, unter anderem mit finanzieller Hilfe durch den Entwicklungsfonds der Weltbank. Doch viele Programme zeigten kaum Wirkung, die Ursachen dafür sind unklar. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Passau und Professor Grimm begleitet die Maßnahme "Accompagnement" nun von der Einführung bis zum Abschluss und darüber hinaus. Das Projekt wurde vom tunesischen Ministerium für Berufsbildung und Beschäftigung entwickelt – und es ist beliebt. Über 100.000 Interessierte haben sich um einen Platz beworben, durchlaufen werden es am Ende ca. 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 

Zu Beginn des zweijährigen Programms steht eine Art Diagnose, am Ende ein individuell zugeschnittener Aktionsplan. "Interessant ist vor allem die Vermittlung von Soft Skills. Studien zeigen, dass Trainingsprogramme das Selbstbewusstsein, die Ambitionen und die Eigenverantwortung der Teilnehmenden beeinflussen. Damit bewegt sich das Projekt an der Grenze zwischen Ökonomie und Psychologie", sagt Michael Grimm.

Die Forscherinnen und Forscher beobachten die insgesamt vier Phasen des Programms intensiv. Sie versuchen, herauszufinden, welche Auswirkungen die individuell zugeschnittenen Aktionspläne haben. Das Team erhofft sich positive Effekte, die über die bloße Beschäftigung hinausgehen. Dies könnte insbesondere für Frauen wichtig sein, die häufig mit Diskriminierung sowie kulturellen und religiösen Hürden im Berufsleben konfrontiert sind. "Wir sprechen hier von Empowerment. Frauen sollen ein Mitspracherecht und die Möglichkeit haben, ihre Lebensbedingungen aktiv verbessern zu können", sagt Michael Grimm. Zudem dürften effiziente Beschäftigungsprogramme zu einer Beruhigung der sozialen Lage im Land führen. 

Das Programm "Accompagnement" ist die erste Beschäftigungsmaßnahme in Tunesien, deren Wirkungen so umfassend und mit Hilfe einer Kombination aus quantitativen und qualitativen Methoden werden. In die Auswertung fließen unter anderem die Befragungsergebnisse von 115 tunesischen Arbeitsämtern ein. "Die Resultate dürften nicht nur für Tunesien spannend sein. Es könnten sich davon auch wichtige Erkenntnisse für weitere Länder in Nahost und Nordafrika ableiten lassen", so Grimm. 

Die International Initiative for Impact Evaluation (3ie) und die International Labour Organisation (ILO) fördern das wissenschaftliche Vorhaben an der Universität Passau mit einem Budget von insgesamt 400.000 US-Dollar. Projektpartnerinnen sind die UNU-MERIT in Maastricht, die Universität Tunis und die Universität Sfax in Tunesien.

Katrina Jordan | 23.11.2016