Ohne Malte wäre dieses Projekt nicht entstanden. An einem nasskalten Februartag 2023 hatte Prof. Dr. Malte Steinbrink etwa 30 Interessent*innen zu einer Begehung des ehemaligen Speditionsgeländes gegenüber des ITZ geladen. Lehrstuhlinhaber*innen, Dozierende, Universitätsmitarbeiter*innen, Studierende und Kulturschaffende versammelten sich, um mit Josef Köberl, dem Chef der universitären Liegenschaftsverwaltung, das Areal zu besichtigen. Köberl hatte Zweifel, dass das alte Fabrikgebäude zu mehr als einer Lagerstätte berufen war. Und seine Zweifel waren keineswegs unbegründet: Die alte Werkstatt stank nach Motoröl, in der Lagerhalle ließ Feuchtigkeit den Putz von Wänden abblättern, das Wasser war längst abgestellt und Tauben hatten sich im maroden Dach eingenistet. Köberl sprach von „Barrierefreiheit“, „Brandschutz“ und „Taubenvergrämungsmaßnahmen“, seine Gäste sprachen von „Performancekunst“, „Ausstellungs-flächen“ und „unverbrauchten Räumen“. Wo bisher Putzmittel, Kühlschränke, Büromöbel und Klopapier-Reserven herumstanden, wollten die ambitionierten Kulturschaffenden Theater spielen und DJs auftreten lassen. Köberl beschwichtigte. Dann hob Malte einen Filzstift vom Boden auf und trat an die nächste freie Wand. In großen Lettern schrieb er „KULTURTRANSPORT“ auf den Beton. Das Projekt war geboren.
Wie können wir die Räume nutzen? Wer kann Ressourcen beisteuern? Welche administrativen Hürden müssen wir überwinden? Die Runde traf sich im studio12 und besprach ihre Ideen und Konzepte. Zwei Studierende erklärten sich bereit, Koordination und Kommunikation in den kommenden Monaten zu übernehmen: Bastian Mogel und Leo Kilz stellten sich den Dienst des Kulturtransports. Nun nahm sich der Kanzler der Universität der Sache an. Auf Vermittlung von Malte Steinbrink lud Dr. Achim Dilling die Luftschlössler an seinen Konferenztisch. Und sehr zur Freude und Verblüffung der Runde, fand der Kanzler das Projekt großartig. Man einigte sich darauf, vorerst den Außenbereich für eine kulturelle Zwischennutzung und Campus-Gardening herzurichten und die Universität stellte eine Anschubfinanzierung in Aussicht. Mit Hilfe der Universitätsverwaltung wurde aus einer Vision für Nachhaltigkeit und Kultur ein konkreter Plan für Bühnen und Beete. Finanzplan, Bebauungsplan, Organisationsplan, Spielplan: Die nächsten Wochen verbrachten Bastian Mogel und Leo Kilz am Laptop, ermutigt von der Unterstützung der Verwaltung.
Dann der große Schock: Zwei Monate nach dem ersten Treffen verstarb Prof. Dr. Malte Steinbrink. Sein plötzlicher Tod ließ Familie, Freund*innen und Weggefährt*innen fassungslos zurück. Vorher voll leichtfüßigem Tatendrang, lag nun ein Schatten über den Gesprächen. Alle trauerten um Malte, vom Pförtner bis zum Präsidenten. Trotzdem wuchs unter den Unterstützer*innen des Kulturtransports langsam das Gefühl: Jetzt erst recht. Malte würde wollen, das wir weitermachen. Theresa Schmidt, die Referentin des Kanzlers, wurde zur wichtigsten Advokatin des Kulturtransports in der Universitätsverwaltung. Prof. Dr. Barbara Lutz-Sterzenbach und Thomas Scharrenbroich vom Lehrstuhl für Visual Litracy und Kunstpädagogik gehörten von Anfang zum Unterstützer*innenkreis und nahmen als erste Kettensäge und Akkuschrauber in die Hand, um mit anzupacken. Gemeinsam veranstaltete der Kulturtransport ein großes Bauwochenende
Der Sommer 2023 zeigte, was möglich war: Die Theatergruppen der Uni gastierten am Kulturtransport-Gelände und das JoKo-Sommerfest entlockte dem Ort eine ungekannte Atmosphäre. Das Konzept funktionierte, der Kulturtransport war da und die Leute liebten ihn. Auf den Sommer des Aufbruchs folgte schließlich eine Zeit der Strukturen. Stichworte: Verstetigung, Etablierung, Institutionalisierung, Systematisierung. Es brauchte eine Rechtsform. Im Februar 2024 versammelten sich deshalb die Kulturtransport-Unterstützer:innen und gründeten auf dem Papier einen Verein. Dr. Stefanie Wehner und Prof. Dr. Tomas Sauer zeigten sich im neu geschaffenen Vorstand als wertvolle Mitstreitende, die als Schnittstelle zur Universität Expertise und Netzwerk einbrachten. Bald darauf, im Juni 2024 sollte ein Kooperationsrahmen zwischen Universität und Kulturtransport-Initiative geschaffen werden. In seiner Funktion als Kanzler der Universität Passau holte Dr. Achim Dilling alle Stakeholder an einen Tisch. Universitätsverwaltung und Kulturtransport-Engagierte legten ihre Interessen dar und eröffneten konstruktiv die Ausarbeitung einer Kooperationsvereinbarung. Währenddessen beschäftigten den Vereinsvorstand bis dahin unscheinbare Themen: Wie bringt man Gießwasser für die Hochbeete ans Gelände hin? Und Müll wieder vom Gelände weg? Können wir ein Mehrwegbechersystem etablieren? Und wie kann sichergestellt werden, dass eine Lautstärkeobergrenze am Gelände eingehalten wird?
Zum Anfang des Sommersemesters 2024 lud der Kulturtransport wieder zu einem begeisternden Bauwochenende ein. Möglich war das auch dieses Mal wieder durch das Innwerk, dass Werkzeug und Expertise beisteuerte. Studierende bauten unter Anleitung von Georg Seibt einen großen Gemeinschaftstisch mit Bänken, Nadja Reisch richtete die Hochbeete als Gartenverantwortliche für den Sommer her. Eine Feuerschale wurde gemauert, bemalte Wegweiser aufgestellt und das Lager neu strukturiert. Damit wurde ein Sommer der vielen Veranstaltungen eingeläutet. Zu den Highlights zählen sicher die zwölf Aufführungen der Theatergruppen, eine KI-Visualisierung von Live-Musik mit Gerd Baumann und das 4AChange-Festival, das queerer Subkultur einen Raum gibt. Während dieser Zeit wurde der Veranstaltungsprozess professionalisiert mit festen Checklisten, Plänen und aktualisierten Auflagen. Das Referat Eventmanagement war entscheidender Akteur für den reibungslosen Veranstaltungsablauf und den Kontakt zu Lesesälen und Schließdienst. Abseits der Veranstaltungen blühte der Garten auf und eine Korbstation stellte Gemüse und Kräuter zum Mitnehmen bereit. In Zusammenarbeit mit dem Geographie-Fachbereich wurde das Kulturtransport-Lager zum Aufbewahrungsort für Werkzeug des Lehrprojekts “Ackerdemie” mit seinem in der Nähe gelegenen Campusacker. Daneben tätigte das Kulturtransport-Team gezielte Anschaffungen, bekam dank dem Referat Liegenschaften einen zweiten Lagerraum und gründete schließlich eine Hochschulgruppe. Die Hochschulgruppe ist seit dem Wintersemester 24/25 Kreativraum und Treffpunkt der aktiv Engagierten. Schließlich ehrte die Universität Bastian Mogel und Leo Kilz im November für ihr besonderes Engagement zur Neubelebung des Speditionsgeländes. Für die beiden hieß es 2024 schweren Herzens Abschied nehmen: Das Studium war bald fertig und so übergaben sie das Projekt an die nächste Generation.
Seitdem hat sich die Hochschulgruppe erfolgreich etabliert, hat nach innen den Zusammenhalt gestärkt - durch Teambuilding-Events wie ein Jazzkonzert-Besuch, Karaoke und Weihnachtsfeiern - und nach außen Präsenz gezeigt - durch Glühweinstände am Mensavorplatz und semestrale Vorstellungen in der Kulturcafete und beim Hochschulgruppen-Infonachmittag. Im Frühjahr 2025 trieb Jonathan Halbauer das Ziel der Institutionalisierung entschieden voran. Da eine Vereinseintragung bis dahin ausstand, gründete sich der Verein im Mai kurzerhand neu. In den folgenden zwei Monaten konnten die notariellen Formalitäten abgeschlossen werden und im Juli erfolgte schließlich die Eintragung ins Vereinsregister des Amtsgerichts. Währenddessen war über das ganze Jahr hinweg ein langer Atem gefragt, immer wieder wurde die Veranstaltungsdurchführung ausgesetzt, Auflagen wurden neu aufgesetzt, im Sommer erforderte die angespannte Situation die Aufnahme eines Darlehens beim Studierendenwerk und im Herbst waren die Lagerräume aufgrund eines hohen Schadstoffrisikos gesperrt. Gleichwohl konnten auch viele Veranstaltungen stattfinden: Eine Open-Air-Kinovorführung, eine Lesung aus verbrannten Büchern, viele Veranstaltungen im Rahmen der Nachhaltigen Wochen, Tischtennistuniere, die Ausgabe von Haushaltswaren an Internationals uvm. Für die Theateraufführungen wurde zudem eine Rampe für eine barrierefreie Bühne angeschafft. In großer Dankbarkeit nahm der Kulturtransport im Sommersemester den durch die Universität verliehenen Preis für Nachhaltigkeitsaktivitäten am Campus an. Die Webseite des Kulturtransports war mittlerweile weitreichend ausgebaut, enthielt ein FAQ und ein Anfrageformular für Veranstaltungsbuchungen. Im November eröffnete der Verein schließlich ein Konto, bevor dem Kulturtransport im Dezember die Gemeinnützigkeit bescheinigt worden ist. In Vorfreude schauen wir auf die kommende Zeit.