Wenn Menschen migrieren, treffen sie auf eine neue Umgebung, die einerseits verändernd auf die mitgebrachten Sprachen, Praktiken und Traditionen wirken kann, die aber andererseits durch die Migration zugleich selbst Veränderung erfahren kann.
Dieses Spiel der wechselseitigen Beeinflussung lässt sich in der Romania besonders gut beobachten: Historisch betrachtet führten Migrationsbewegungen im Zusammenhang mit Eroberungen zur Romanisierung europäischer Regionen und später zur außereuropäischen Verbreitung romanischer Sprachen, Denkweisen, Kulturen und Religionen in kolonialen Kontexten. Über die synchron wie diachron analysierbaren Folgen des oft gewaltsamen historischen Kontakts hinaus lassen sich auch zeitgenössische Flucht-, Exil- und Migrationsphänomene beobachten. Hierbei können romanisch geprägte Gebiete sowohl Ausgangspunkt (gegenwärtig z. B. venezolanische Migration u. a. nach Kolumbien, Arbeitsmigration aus Rumänien und der Republik Moldau, historisch z. B. italienische und spanische Arbeitsmigration nach Deutschland in den 1960er Jahren) als auch Zwischenstation (gegenwärtig z. B. zentralamerikanische Länder und Mexiko für die Migration in die USA, historisch z. B. Frankreich für das republikanische Exil Spaniens auf dem Weg nach Mexiko, Chile für das brasilianische Exil infolge der Militärdiktatur) oder Zielort (gegenwärtig z. B. Italien und Spanien für die Migration aus Nordafrika, historisch z. B. Frankreich für das lateinamerikanische Exil infolge der Militärdiktaturen, Lateinamerika für die jüdische Bevölkerung, politisch Verfolgte und später auch Täter:innen im Kontext des Zweiten Weltkriegs) der Migration sein. Die damit einhergehende Transnationalisierung von Gesellschaften, die heute durch die Kommunikation über soziale Netzwerke verstärkt wird, stellt sich als ambivalente Erfahrung dar, die sowohl negativ etwa in Form von Konflikten, Anpassungsschwierigkeiten und Abwehrreflexen (z. B. Identitätsverlust, Armut, Marginalisierung, Segregation, Isolation) als auch positiv im Sinne einer wechselseitigen Bereicherung und Chance für die Entstehung von Neuem (z. B. Pidgin- und Kreolsprachen, hybride Kontaktvarietäten wie das sog. chiac, Kosmopolitismus, Kultursensibilität, cinéma du metissage, Weltliteratur) gedeutet werden kann. Herausforderungen für Zurückbleibende, Migrierende, Migrierte sowie für die Zielgesellschaften können sich u. a. in der Infragestellung eigener Praktiken und Werte oder in Form verschiedener Rückzugs- und Öffnungsgrade gegenüber neuen Einflüssen zeigen. Nicht zuletzt in schulischen Kontexten, wo sich unterschiedliche Nationalitäten im Sinne einer Didaktik der Vielfalt als Chance für interkulturelles Lernen wie auch als Herausforderung für Lernende wie Lehrende erweisen können, zeigt sich die Ambivalenz in ihrer Breite.
Die Entstehung, Fortsetzung und Transformation sprachlicher, literarischer und kultureller Praktiken im Zusammenhang mit Migration und Transnationalisierung soll im Mittelpunkt des XXXVIII. Forums Junge Romanistik stehen, das vom 12.–14. April 2023 an der Universität Passau stattfindet. Dabei möchten wir zum einen bestehende Ansätze diskutieren und weiterentwickeln, zum anderen aber auch die Potenziale und Herausforderungen neuer theoretischer, methodischer und praktischer Zugriffe behandeln.
Mögliche Impulse für die literatur- und Kulturwissenschaftliche Sektion
Mögliche Impulse für die sprachwissenschaftliche Sektion
Mögliche Impulse für die fachdidaktische Sektion
Wir freuen uns über Vorschläge für Vorträge (max. 300 Wörter ohne Bibliographie) und zusätzlich eine Kurzbiographie (max. 100 Wörter) bis zum 30. November 2022 an folgende Adresse: fjr-2023@uni-passau.de.
Die Vorschläge sollten sich einer der genannten Sektionen zuordnen. Als Konferenzsprachen sind das Deutsche, die romanischen Sprachen und das Englische vorgesehen. Voraussichtlich wird ein Konferenzbeitrag in Höhe von maximal 40 Euro erhoben, der die Teilnahme am Conference Dinner einschließt.