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Gast-Haus e.V

Thema: Armenhilfe, Hilfsbereit­schaft, Nächstenhilfe, Sozialarbeit

M1: Interview mit Eva Bahr

„Armut hat viele Gesichter“ – Wie das Gast-Haus e.V. den Menschen im Herzen Dortmunds Momente der Würde schenkt

Sophia Kaminski und Levi Dewender (Mallinckrodt-Gymnasium Dortmund) interviewen Eva Bahr, Leiterin des Gast-Hauses e.V. Dortmund

Dortmund, im Winter 2026. Es ist nicht zu übersehen: Die Armut und Verelendung von Menschen sind Teil unseres Alltags geworden. Eva Bahr, die Pädagogische Leiterin des Gast-Hauses, berichtet zwei Schülerinnen und Schülern des Mallinckrodt-Gymnasiums von ihren Erfahrungen im Umgang mit einer Armut, die die unterschiedlichsten Gesichter zeigt.

Seit wann engagieren Sie sich im Gast-Haus?

Ich arbeite seit sechs Jahren hauptamtlich im Gast-Haus. Zuvor war ich bereits über viele Jahre hinweg mit dem Gast-Haus verbunden. Es war vor allem Herr Werner Lauterborn († 2025), langjähriger Vorsitzender des Gast-Hauses, der mich mit seinem Engagement nachhaltig beeindruckt hat.

Was hat Sie persönlich bewegt, sich für Menschen in Armut einzusetzen?

Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die Hilfe benötigen – vor allem Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Diese Menschen haben im Grunde keine Lobby, die für sie einsteht. Das hat mich bewegt: ich wollte ein Sprachrohr für diese Menschen sein.

Was bedeutet Ihre Arbeit für Sie?

Auf der einen Seite ist die Arbeit sehr erfüllend, weil man wirklich helfen kann. Menschen, die sehr häufig übersehen werden, erhalten bei uns eine Perspektive. Auf der anderen Seite berührt mich meine Arbeit emotional. Immer wieder erfahre ich, dass es nicht darum geht, die Welt im Großen zu retten, sondern im Kleinen Momente der Würde zu ermöglichen. Dies ist bereits in unserem Namen grundgelegt: Wir nehmen die Menschen, die zu uns kommen, wie Gäste auf.

Bei unserer ersten Begegnung im Dezember 2025 haben Sie einen Satz gesagt, der uns bis heute berührt: „Armut hat viele Gesichter“. Können Sie noch einmal erzählen, was es damit auf sich hat?

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe dafür, wieso Menschen bei uns zu Gast sind. Einige sind wohnungs- und obdachlos. Wieder andere haben schwere Schicksalsschläge hinter sich, haben Gewalterfahrungen gemacht oder leben in Einsamkeit. Bei uns haben sie, neben einer materiellen Versorgung, einen Ansprechpartner, bis sie ihren sozialen Halt wiedergefunden haben.

Hat sich die Situation des Gast-Hauses in den letzten Jahren verändert?

Was wir im Gast-Haus beobachten, ist, dass das Leben für die Menschen immer schwieriger wird. Wir haben zehn Prozent mehr Gastkontakte als noch 2024. Die Armut wird in unserer Stadt immer prekärer. Ich sehe immer wieder, dass es jeden Menschen treffen kann. Kein Mensch ist davor gewappnet, in die Armut zu rutschen.

Gibt es eine Begegnung, die Sie während Ihrer Zeit im Gast-Haus besonders berührt hat?

Da gibt es tatsächlich einige Begegnungen – oft sind es aber die kleinen Momente, die nachhallen. Wenn beispielsweise ein Mensch aus einem anderen Land nach Deutschland kommt und man für diesen Menschen eines der wenigen bekannten Gesichter ist. Diese Menschen freuen sich, wenn sie einem begegnen: auf der Straße, beim Einkaufen, irgendwo. Sie wissen: Da ist ein Mensch, bei dem ich nicht irgendjemand bin, sondern eine wichtige Person, die erkannt wird.

Warum ist es wichtig, dass es das Gast-Haus oder andere Einrichtungen wie dieses auch heute noch gibt?

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, was aber utopisch ist, dann würde ich mir wünschen, dass es gar nicht notwendig wäre, dass das Gast-Haus existiert. Die Situation ist aber einfach diese, dass es die staatliche Struktur nicht hinbekommt, jeden Menschen in Armut aufzufangen. Unsere Welt wird davon getragen, dass wir als soziale Wesen füreinander da sind.

Papst Leo XIV. schreibt in seinem ersten großen öffentlichen Dokument „Dilexi te“ (Ich habe dir meine Liebe zugewandt, Offb 3,9) (2025) über die Liebe zu den Armen. Die folgenden Thesen sind nach dem Text von Papst Leo XIV. erstellt.

Thesen zur Bedeutung der Armut nach Papst Leo XIV.

  • Die Liebe des Herzens Jesu ist ein unerschöpfliches Geheimnis. Jesus identifizierte sich mit den Geringsten der Gesellschaft. Durch seine vollendete Hingabe macht er die Würde jedes Menschen sichtbar, umso mehr sie schwach, elend und leidend sind.
  • Die Kirche, wenn sie Kirche Christi sein will, muss eine Kirche sein, die den Kleinen Raum schafft, die den Armen eine privilegierte Stellung einräumt. (privilegium pauperum).
  • Die Armen sind die wahren Lehrmeister des Evangeliums. Ihre Lebensumstände konfrontieren uns still mit unserer eigenen Schwachheit. Ein alter und gebrechlicher Mensch beispielsweise erinnert uns an unsere eigene Verletzlichkeit, die wir gewöhnlich hinter Äußerlichkeiten zu verstecken versuchen.
  • Es gibt viele Formen der Armut: die derjenigen, denen es materiell am Lebensnotwendigen fehlt, die Armut derer, die sozial ausgegrenzt sind, die moralische und geistliche Armut, die Armut derer, die keine Rechte, keinen Raum und keine Freiheit haben.
  • Zur Bekämpfung der Armut braucht es einen Mentalitätswechsel in der Gesellschaft auf kultureller Ebene. Es ist eine Illusion anzunehmen, dass ein Leben, das darauf ausgerichtet ist, Reichtum und sozialen Erfolg zu erreichen, glücklich macht.
  • Wahres Christ-Sein äußert sich darin, dass ich in dem Armen ein unendlich geliebtes Geschöpf, ein Abbild Gottes, erkenne.
  • Die riesige Mehrheit der Armen ist offen für den Glauben. Der Mangel an geistlicher Zuwendung ist die „schlimmste Diskriminierung“ der Armen. Wir dürfen es nicht unterlassen, ihnen die Feier der Sakramente anzubieten.

M2: Bilder des Gast-Haus e.V

M3: Didaktische Impulse

Die Impulse wurden von Leander Simeon Lott, Lehramtsreferendar für Katholische Religionslehre am Mallinckrodt-Gymnasium Dortmund, konzipiert.

1. Lest das Interview über die Arbeit und das Wirken des Gast-Hauses und die Thesen von Papst Leo und nennt Ähnlichkeiten in der Sichtweise zur Bedeutung der Armut.

2. Welchen Thesen von Papst Leo kannst du zustimmen, welchen nicht? Begründe deine Meinung.

3. Diskutiert in Kleingruppen folgende These: „Armut zu bekämpfen ist nicht in erster Linie Aufgabe des Einzelnen, sondern des Staates.“

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