Emily Riedl
„Hilf deinem Nächsten" dieser Leitgedanke durchzieht das Leben von Anna Riedl wie ein roter Faden. Die 97-Jährige aus Bayern engagiert sich seit Jahrzehnten gemeinsam mit dem Pallottinerorden für Kinder und Familien im Süden Indiens. Durch ihr unermüdliches Sammeln von Spenden, bei dem sie mithilfe einer Tafel mit Informationen, Bildern und Berichten aus Indien auf Menschen zuging, konnte nahe Madurai die Pallotti-Schule aufgebaut werden, die heute mehreren hundert Kindern aus sozial benachteiligten Familien Bildung und damit die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Viele der Schülerinnen und Schüler stammen aus Dalit-Familien, den sogenannten „Kastenlosen", die unter schwierigsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und häufig in Steinbrüchen arbeiten müssen.
Das Besondere an Anna Riedls Engagement liegt jedoch nicht allein in der materiellen Unterstützung, sondern vor allem in ihrer Form der Begegnung. Sie hilft nicht aus der Distanz, sondern sucht bewusst die Nähe zu den Menschen. Während Hilfsprojekte oftmals organisatorisch oder verwaltend geprägt sind, lebt Anna Riedl mitten unter den Menschen vor Ort. Sie besucht Familien in ihren einfachen Häusern, sitzt mit Lehrerinnen und Köchinnen zusammen, spricht mit Eltern und Kindern und interessiert sich für ihre konkreten Lebensgeschichten. Ihre Tochter beschreibt dies treffend mit den Worten: ,,Die Mama lebt wirklich mit den Menschen dort." Gerade diese zugewandte Haltung und ihre aufrichtige Menschlichkeit machen sie für viele Menschen in Indien zu einer Vertrauensperson. Wenn sie nach Indien reist, wird sie von den Kindern voller Freude mit „Auntie, Auntie!" empfangen.
Ihr Engagement ist eng mit ihrer eigenen Biografie verknüpft. Anna Riedl wuchs selbst in einfachen und von Entbehrungen geprägten Verhältnissen auf. Früh erlebte sie Verlust, Armut und Unsicherheit. Gleichzeitig wurde ihr bereits in der Kindheit vermittelt, dass Teilen und Helfen selbstverständlicher Ausdruck menschlicher und christlicher Verantwortung sind: ,,Uns wurde schon früh beigebracht, dass es unsere Pflicht ist, anderen zu helfen, wenn man etwas hat, das man teilen kann." Dieses Verständnis von Solidarität prägte ihr gesamtes Leben nachhaltig.
Durch Kontakte zum Pallottinerorden hörte sie erstmals von der Lebenssituation vieler Menschen in Indien. Nach dem frühen Tod ihres Mannes geriet sie selbst in eine schwere Lebenskrise. Der Verlust traf sie tief, gesundheitlich ging es ihr zunehmend schlechter, und sie beschreibt diese Zeit selbst als besonders belastend. In dieser Situation riet ihr ein befreundeter Pater, selbst nach Indien zu reisen, um das Land und die Menschen kennenzulernen, für die sie bereits seit Jahren spendete. Trotz großer Unsicherheit, ohne Englischkenntnisse und Zweifel trat sie schließlich die Reise an. Die Begegnungen vor Ort erschütterten und bewegten sie zugleich tief. Aus einer ersten Reise entwickelte sich ein jahrzehntelanges Engagement, das von persönlichem Verzicht, Beharrlichkeit und großer Hingabe geprägt ist. Immer wieder sammelte sie Spenden, investierte ihre Zeit, ihre Kraft und auch eigenes Geld in den Ausbau der Schule sowie weiterer sozialer Projekte. Rückblickend beschreibt ihre Tochter diesen Wendepunkt mit den Worten: ,,Dieses Indien hat ihr Leben gerettet."
Die Motivation ihres Handelns schöpft Anna Riedl aus ihrem tief verwurzelten christlichen Glauben und einem unerschütterlichen Gottvertrauen. Für sie zeigt sich Glaube nicht in abstrakten Worten, sondern in konkreter Nächstenliebe und gelebter Menschlichkeit. Ihr Handeln folgt der Überzeugung, dass jedem Menschen unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status dieselbe Würde zukommt. Entsprechend werden an der Pallotti-Schule Kinder aller Religionen aufgenommen und gleich behandelt.
Besonders deutlich wird diese Haltung in einem Satz, den Anna Riedl den Absolventinnen der Schule mit auf den Weg gibt: ,,Only the sky is my limit." Für viele der Mädchen, die aus extremer Armut stammen und lange kaum Zukunftsperspektiven hatten, wird dieser Satz zum Ausdruck neuer Hoffnung und Selbstbestimmung. Bildung eröffnet ihnen Möglichkeiten, die zuvor unerreichbar schienen - bis hin zu einem Studium oder einem eigenständigen Beruf. Der Leitspruch bringt damit prägnant zum Ausdruck, worum es Anna Riedl in ihrem Engagement stets ging: Menschen erfahren zu lassen, dass ihre Herkunft nicht über ihre Zukunft entscheiden muss.
Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde Anna Riedl unter anderem mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Dennoch sucht sie selbst nie die öffentliche Aufmerksamkeit. Viel bedeutsamer als persönliche Anerkennung ist für sie die Entwicklung „ihrer Kinder", wie sie die Schülerinnen und Schüler der Pallotti-Schule nennt. Besonders erfüllt sie der Gedanke, dass ehemalige Schülerinnen heute als Krankenschwestern, Lehrerinnen oder Beamtinnen arbeiten und dadurch nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familien nachhaltig verändern können
1. Schreibe einen Brief an Anna Riedl, in welchem du ihr deine Gedanken und Eindrücke zu ihrer Lebensgeschichte und ihrem Engagement mitteilst.
2. Setze dich mit dem Satz „Only the sky is my limit“ auseinander und erläutere, welche Bedeutung dieser Satz für die Schülerinnen der Pallotti-Schule haben kann.
3. Suche nach weiteren Menschen in deiner Umgebung, die sich für andere Menschen einsetzen, und befrage sie nach ihren Motiven und Beweggründen für ihr Engagement.
Im Rahmen ihrer Zulassungsarbeit hat Emily Riedl Materialien zur Arbeit mit Anna Riedl für die Sekundarstufe I erstellt: