Mein Name ist Sergei Shevelev, und ich studiere im Master Geschichte und Gesellschaft an der Universität Passau. Für mein Pflichtpraktikum wollte ich bewusst praktische Erfahrungen in einem internationalen Umfeld sammeln. Die Entscheidung für Prag und das Institut der Theresienstädter Initiative ergab sich aus einer Exkursion nach Terezín, bei der wir die Leitung des Instituts kennenlernten. Das Gespräch und die Vorstellung der Projekte haben mich so überzeugt, dass ich mich unmittelbar danach dort bewarb und sehr schnell eine Zusage erhielt. Die Verbindung aus historischer Forschung, Dokumentation und Bildungsarbeit entsprach genau meinen Interessen.
Die Theresienstädter Initiative ist eine internationale Vereinigung ehemaliger jüdischer Häftlinge aus den böhmischen Ländern und ihrer Nachkommen, die sich der Dokumentation und wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte des Ghettos Theresienstadt und der Shoah in Böhmen und Mähren widmet; zu diesem Zweck wurde 1993 ihr Institut gegründet, das neben der Forschung auch die Vermittlung der Ergebnisse an die Öffentlichkeit sowie die Etablierung Theresienstadts als Ort des intergenerationellen, interkulturellen und weltanschaulichen Dialogs verfolgt.
Die Vorbereitung des Praktikums bestand hauptsächlich aus organisatorischen Schritten sowie der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte Theresienstadts. Fachliteratur zu lesen half mir, die Themen des Instituts besser einordnen zu können. Eine sprachliche Vorbereitung war nicht entscheidend, da die Arbeit überwiegend auf Deutsch und Englisch stattfand. Deutlich schwieriger erwies sich dagegen die Wohnungssuche. Der Prager Wohnungsmarkt ist angespannt und ich erhielt zahlreiche Absagen. Schließlich fand ich über eine deutschsprachige Plattform eine kleine, aber zentral gelegene Wohnung im Stadtteil Žižkov, was sich als Glücksfall herausstellte.
Das Leben vor Ort war eine intensive Mischung aus praktischer Tätigkeit und kultureller Erfahrung. Prag ist eine Stadt, in der historische Spuren allgegenwärtig sind, besonders im jüdischen Viertel, in Museen und in Gedenkstätten. In meiner Freizeit nutzte ich oft die Möglichkeit, Ausstellungen, Synagogen oder das Jüdische Museum zu besuchen, was meine Arbeit im Institut inhaltlich ergänzte. Gleichzeitig empfand ich die Stadt als sehr lebendig und international, mit vielen Orten zum Entspannen und zur Begegnung.
Im Institut übernahm ich verschiedene Aufgaben. Ein großer Bereich war die Arbeit mit den digitalen Datenbanken, in denen Informationen zu den in Theresienstadt inhaftierten Personen gesammelt werden. Ich lernte die Struktur des Systems kennen, erfasste neue Dokumente und ordnete Fotografien ein, vor allem aus historischen Passanträgen. Die Arbeit erforderte Genauigkeit und ein methodisches Vorgehen, da jede Information historisch relevant ist.
Ein zweiter zentraler Bereich war die Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Ich war an der Vorbereitung und Durchführung mehrerer Workshops beteiligt – sowohl für internationale Studierendengruppen, als auch für lokale Schulklassen. Dabei entwickelte ich Aktivitäten, plante Abläufe und kommunizierte mit den Teilnehmenden. Besonders wertvoll fand ich, dass ich dabei direkt erleben konnte, wie historische Inhalte für verschiedene Zielgruppen aufbereitet werden. Ergänzend dazu unterstützte ich die Institutsbibliothek, indem ich neue Titel eintrug und Besucherinnen und Besucher beriet.
Diese Tätigkeiten verbanden sich eng mit meinem Studium. Die im Studium erlernten Methoden – Quellenkritik, Analyse, Einordnung historischer Dokumente – konnte ich täglich anwenden. Gleichzeitig verstand ich im praktischen Arbeitsalltag deutlicher, wie eng Forschung, Erinnerungskultur und historische Bildung miteinander verbunden sind. Die Vermittlungsarbeit zeigte mir, wie anspruchsvoll es ist, komplexe historische Themen sensibel und zugleich verständlich zu formulieren. Zudem erkannte ich, welche wichtige Rolle digitale Kompetenzen in der heutigen Geschichtswissenschaft spielen.
Auch abseits der Arbeit sammelte ich wertvolle persönliche Erfahrungen. Einige alltägliche Unterschiede – etwa bei der Mülltrennung oder beim Lebensmittelangebot – waren ungewohnt, während der sehr gut organisierte Prager Nahverkehr mich positiv beeindruckte. Besonders die offene und unterstützende Atmosphäre im Team half mir, mich schnell zurechtzufinden. Obwohl ein hohes Maß an Eigeninitiative erwartet wurde, erhielt ich jederzeit die notwendige Unterstützung.
Rückblickend war das Praktikum für mich eine äußerst bereichernde Erfahrung. Die Kombination aus Forschung, Dokumentation und Bildungsarbeit hat mir gezeigt, dass dieser Bereich genau meinen Interessen entspricht. Trotz organisatorischer Herausforderungen, besonders zu Beginn, war die Zeit in Prag sowohl fachlich als auch persönlich sehr wertvoll. Das Praktikum hat meine beruflichen Vorstellungen geschärft und mir bestätigt, dass ich künftig in einem Feld arbeiten möchte, in dem historische Forschung und gesellschaftliche Verantwortung zusammenkommen.