Was Separatismus ist, was ein Bestreben nach Autonomie, entscheidet sich nach der Blickrichtung. Eine vom „Zentrum" ausgehende Perspektive wird Selbständigkeitstendenzen auf staatlicher Ebene als Separatismus werten (und entsprechend bekämpfen), eine von der „Peripherie" kommende Sichtweise wird dasselbe Phänomen als Bewegung in Richtung Autonomie einstufen und entsprechend positiv bewerten. Aktuelle Fälle wie die Unabhängigkeitsbewegungen der Gagausen in der Republik Moldau oder der Katalanen in Spanien, eher sprachlich-kulturelle Autonomiebestrebungen wie diejenigen in Schottland (betreffend das Rechts- und Bildungswesen), Oberschlesien (ausgehend von der deutschsprachigen Bevölkerung) oder in der Karpatenukraine (ausgehend von der ungarischsprachigen Bevölkerung), aber auch faktisch schon vollzogene Abnabelungstendenzen wie die staatliche Anerkennung des Kosovo oder die Abtrennung Transnistriens von der Republik Moldau in der jüngeren Zeitgeschichte demonstrieren den Diskussions- und Reflexionsbedarf. Hinzuzufügen wären außereuropäische Emanzipationsbestrebungen wie diejenige in Québec, die in Teilen ein postkoloniales Paradigma spiegelt. In diesem Kontext lädt die Universität Passau zu den öffentlichen Vorträgen ein:
- "Aus Tränen baut man keinen Turm!": Irredenta und Unabhängigkeitsbestrebungen im (post)sowjetischen Südkaukasus - Termin: Dienstag, 05. Mai 2026, 18:00 Uhr - Ort: Nikolakloster (NK) 403, Universität Passau - Referentin: Prof. h.c. Dr. Tessa Hofmann, Philologin und Soziologin (Migrations- und Genozidforschung).
Inhalt: Der Vortrag beleuchtet die sowjetische Administrativ- und Nationalitätenpolitik im Südkaukasus an den Beispielen Abchasien, Südossetien und Berg-Karabach und fragt, inwiefern sie im Spannungsfeld zwischen imperialem „Teile-und-herrsche"-Prinzip und Abteilung Kommunikation und Marketing nationalem Selbstbestimmungsrecht stand. Am Beispiel Russlands wird gezeigt, wie selektiv außenpolitisches Engagement verlaufen kann: Während es georgische Separatisten militärisch unterstützte, verhielt es sich gegenüber Armenien passiv - mit gravierenden Folgen bis hin zur international als möglichen Genozid eingestuften Deportation der Karabach-Armenier 2023. Diese Selektivität verweist auf ein grundlegendes Problem des Völkerrechts, das anhand der Fälle Kosovo, Katalonien und Schottland weiter analysiert wird. Die abschließende Diskussion geht von Stephen Krasners These der „organisierten Heuchelei" aus, wonach Staaten sich zwar zu völkerrechtlichen Normen bekennen, diese jedoch höchst selektiv anwenden. - Oberschlesische Bewegungen - Ideen einer territorialen und kulturellen Autonomie - Termin: Donnerstag, 07. Mai 2026, 18:00 Uhr - Ort: Nikolakloster (NK) 403, Universität Passau - Referent: Dr. habil. Jerzy Gorzelik, Uniwersytet Śląski w Katowicach.
Inhalt: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine moderne oberschlesische Identität, die ihren Platz zwischen dem deutschen und dem polnischen Nationalismus fand. Nach dem Ersten Weltkrieg, als eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der Region entscheiden sollte, haben Berlin und Warschau Zugeständnisse zugunsten der sich emanzipierenden Bevölkerung gemacht. Diese wurden später von Nationalsozialisten und Kommunisten abgeschafft. Wie orientiert sich die nach der Wende entstandene Autonomiebewegung an diesen Traditionen? Welche Ziele wurden ausgegeben, wie effektiv und mit welchen Mitteln werden sie angestrebt?
Das DAAD-Sommerseminar wird durch die Initiative Perspektive Osteuropa am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen (Prof. Dr. Thomas Wünsch) organisiert und durch den DAAD im Rahmen des DAAD-Alumni-Programms aus Mitteln des Auswärtigen Amts gefördert.
Weitere Informationen: https://www.uni-passau.de/perspektive-osteuropa