Die digitale Transformation trifft keineswegs alle Menschen gleich. Besonders vulnerable Gruppen – etwa Kinder und Jugendliche, Seniorinnen und Senioren oder Menschen mit Migrationsgeschichte – sind überproportional von Risiken wie Kontrollverlust über persönliche Daten oder algorithmische Diskriminierung betroffen. Wie lässt sich Privatheit wirksam schützen, wenn traditionelle Datenschutzinstrumente wie die informierte Einwilligung nicht mehr greifen? Welche Antworten aus Politik, Recht und Ethik helfen denen, die sich selbst nicht gut schützen können? Und führt eine Berücksichtigung vulnerabler Gruppen zu einem besseren Schutz für die ganze Gesellschaft? Diese Fragen diskutierten am 10. und 11. September 2026 Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Sozialverbänden und Zivilgesellschaft. Für die Universität Passau waren Prof. Dr. Karoline Reinhardt und Dr. Lukas Naegeli (Angewandte Ethik) dabei.
Digitale Vulnerabilität aus der Perspektive der angewandten Ethik
Dr. Lukas Naegeli diskutierte mit Jutta Croll (Stiftung Digitale Chancen) und Elisa Lindinger (Superrr Lab) auf dem Podium zum Thema ‚Wer ist eigentlich vulnerabel? Kartografie der digitalen Verwundbarkeit‘. „Digital vulnerabel ist“, so argumentierte Naegeli, „wer im Kontext von Informations- und Kommunikationstechnologien für Beeinträchtigungen grundlegender Interessen anfällig ist und diesen Beeinträchtigungen nur begrenzt selbst begegnen kann.“ Vor diesem Hintergrund machte er deutlich, dass Schutzmaßnahmen nicht nur individuelle Fähigkeiten stärken, sondern vor allem soziotechnische und -ökonomische Strukturen verändern sollten. Prof. Dr. Karoline Reinhardt, Leiterin des Passauer Teilprojekts, sprach mit Dr. Roland A. Stürz (Bayerisches Forschungsinstitut für Digitale Transformation) darüber, welche Wechselwirkungen zwischen sozialer Ungleichheit und digitale Risiken bestehen. Sie machte deutlich, dass soziale Ungleichheit einen starken Effekt auf Risiken für den eigenen Privatheitsschutz hat, sowohl mit Hinblick auf die Fähigkeit und Kapazitäten sich zu schützen wie auch hinsichtlich der Folgen, die ein unzureichender Privatheitsschutz hat. Sie hob insbesondere die intersektionale Seite dieser Fragen hervor: „Wer etwa über weniger Zeit, Geld oder digitale Erfahrung verfügt oder kognitive Einschränkungen hat oder chronisch krank ist, kann sich schlechter schützen. Gleichzeitig können Aspekte einen sich wechselseitig verstärkenden Effekt auf den Privatheitsschutz haben und gegebenenfalls zu schwerwiegenden Folgen für den Einzelnen führen.“
Ergebnisse und Ausblick
Die Tagung war zugleich die Abschlussveranstaltung des Forschungsprojekts „Diversitätsgerechter Privatheitsschutz in digitalen Umgebungen“ (DiversPrivat). In dem vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Verbund der Plattform Privatheit arbeiten unter der Leitung von Prof. Dr. Nicole Krämer Forschende aus Sozialpsychologie (Universität Duisburg-Essen), Rechtswissenschaft (Universität Kassel), Medienethik (Universität Tübingen) und Angewandter Ethik (Universität Passau) zusammen.
Ausgangspunkt des Projekts war die Beobachtung, dass der Datenschutz stark auf informierte Einwilligung und eine Förderung der Datenschutzkompetenz (Privacy Literacy) einzelner Nutzender setzt, obwohl Menschen sich sehr unterschiedlich gut schützen können und Privatheitsverletzungen für sie unterschiedlich schwerwiegende Folgen haben. Zu den jüngsten Ergebnissen zählen zwei Veröffentlichungen in der Reihe „Forschungsberichte der Plattform Privatheit“. Das Policy Paper „Diversitätsgerechter Privatheitsschutz“ zeigt, dass Vulnerabilität kontextabhängig ist und sich strukturelle Schutzdefizite nicht allein durch Kompetenzförderung beheben lassen. Das White Paper „Viszerale Reize als Instrument datenschutzfreundlicher Entscheidungsarchitekturen“ untersucht am Beispiel von Cookie-Bannern, wie unmittelbar wahrnehmbare Reize – etwa visuelle oder akustische Warnsignale – Aufmerksamkeit für Datenschutzrisiken schaffen können, ohne Entscheidungen zu manipulieren.
Das Projekt läuft noch bis Ende November 2026. Bis dahin wird der Forschungsverbund DiversPrivat weitere Policy Papers veröffentlichen. Weitere Informationen zum Projekt: https://privacy4all.de/