Am 29. Oktober fand ein äußerst spannender Vortrag in Kooperation mit den Wochen zur Demokratie statt. Unter dem Titel Menschenfeindlichkeit als Leitmotiv. Das Weltbild der ›Incel‹-Bewegung erörterte PD Dr. Thorsten Benkel die Ideologie dieser Bewegung und inwiefern sie antidemokratische Tendenzen befördert.
Die sogenannten Incels – meist junge Männer, die sich selbst als „unfreiwillig enthaltsam“ bezeichnen – sind durch eine ausgeprägte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gekennzeichnet. Ihr Weltbild richtet sich vor allem gegen Frauen, aber auch gegen sie selbst. Eine zutiefst fatalistische Denkweise prägt ihr Leben: Sie fühlen sich benachteiligt, zurückgewiesen und abgewertet – im Privaten, im Beruf und insbesondere in sexuellen Beziehungen. Um mit diesen Empfindungen umzugehen, werten Incels andere ab, um sich selbst aufzuwerten.
Die heutige Incel-Bewegung hat überraschend andere Wurzeln. Ursprünglich entstand sie Mitte der 1990er Jahre als eine offene Selbsthilfegruppe im frühen Internet. Gegründet wurde Alanas Involuntary Celibacy Project von einer Frau, um schüchternen und zurückhaltenden Menschen – unabhängig vom Geschlecht – einen Raum für Austausch zu bieten. Drei Jahrzehnte später hat sich die Bewegung stark verändert: Die einstige Vielfalt ist verloren gegangen. Heute bestehen Incel-Communities ausschließlich aus Männern, die die Schuld für ihr persönliches Unglück vor allem Frauen, aber auch Liberalen, Homosexuellen oder allgemein Andersdenkenden zuschreiben. Wer ihre Ideologie nicht teilt, wird zum Feindbild.
In den Online-Foren der Szene herrscht dabei ein eigener Kommunikationsraum, der kaum Regeln kennt. Konstruktive Diskussionen finden dort kaum statt. Stattdessen überwiegen destruktive Beiträge, die teils drastische und abwertende Botschaften enthalten. Manchmal wird unverhohlen zu sexueller Gewalt aufgerufen, anderswo werden solche Posts offiziell nicht akzeptiert, dennoch ist die Verharmlosung sexualisierter Gewalt auch auf diesen scheinbar moderaten Plattformen üblich. Dort fordern manche Nutzer z.B. mildere Strafen für Täter, ohne deren Handlungen grundsätzlich in Frage zu stellen.
Eine Szene, die deutliche Schnittmengen zur Incel-Community aufweist, sind die sogenannten Pickup Artists. Sie bieten kostenpflichtige Trainings an, die versprechen, Männern zu mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit Frauen zu verhelfen. Unter diversen Bezeichnungen reüssieren solche Angebote aktuell in verschiedenen sozialen Medien. Es geht dabei meistens weniger um eine ernsthafte Beziehung, als um sexuelle Ausbeutung, Macht und Kontrolle über Frauen.
Zum Ausstieg aus der Incel-Szene führen meist zwei sehr unterschiedliche Wege: Manche verlassen die Bewegung, wenn sie eine Frau kennen- und schätzen lernen. Andere radikalisieren sich hingegen weiter. Ein Bespiel dafür ist Elliot Rodger, der bei einem Anschlag mehrere Menschen tötete, um Rache zu nehmen und sich als Alpha-Mann zu inszenieren – ein tragischer Fall, der letztlich in seinem eigenen Suizid endete. Auch der Fall Pelicot weist Parallelen zur Incel-Ideologie auf: Dem Betäuben von Frauen, also ihrer chemischen Unterwerfung, mit der Absicht, sie zu vergewaltigen, musste eine zutiefst verachtende Haltung gegenüber Frauen zugrunde gelegen haben.
Dieser psychologisch-soziologischen Betrachtung der Bewegung folgt die Frage, ob die Bewegung auch eine Gefährdung der Demokratie darstellt. Tatsächlich ergibt sich das aus der Tatsache, dass Demokratie auf Gleichheit beruht. Mit ihren Unterwerfungsfantasien wirken Incels diesem Prinzip entgegen. Ihr krudes Weltbild stellt Menschen als berechenbare Schablonen dar, die zur Errichtung einer tragfähigen Gemeinschaft nicht in der Lage sind. Der vermeintliche Werteverfall in der westlichen Kultur habe Männer darüber hinaus ihrer ›natürlichen‹ Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten beraubt. Demokratie sei somit nur eine Karikatur ihrer selbst und folglich ablehnenswert. Über die Misogynie hinaus sind hier also extremistische Einstellungen erkennbar.
Wie faszinierend der Vortrag für das Publikum war, zeigte sich an der angeregten Diskussion, die folgte. Dabei wurden beispielsweise Parallelen zu Narzissten gezogen oder überlegt, ob nicht Tradwives dem Unterwerfungsgedanken der Incels entsprechen und so akzeptable Partnerinnen sein könnten.