Im Jahr 2022 führte Österreich eine allgemeine Corona-Impfpflicht ein – und schaffte sie wenige Monate später wieder ab, auch als Zugeständnis an eine von Verschwörungserzählungen befeuerte Impfgegnerschaft. Zugleich stieg die FPÖ zur stärksten Kraft im Nationalrat auf. Der Fall zeigt, dass Verschwörungsdenken nicht nur ein Phänomen des Internets ist, sondern ganz konkret politische Entscheidungen verändern kann.
Die Fallstudie „Conspiracism in Comparison: The Case of Austria“ erscheint diesen Oktober als Pre Print und Anfang 2027 gedruckt in einem Sammelband bei Nomos. Sie gehört zu einer Reihe von acht Länderstudien des EU-Forschungsprojekts TaCT-FoRSED und untersucht, wie demokratische Strukturen und Verschwörungsdenken einander beeinflussen. Hauptautorin ist Michelle Colleen Schweitzer. Gleichzeitig ist eine Vergleichsstudie derzeit in Veröffentlichung. Autor hier ist Dr. Stefan Christoph.
Erste Erkenntnisse aus dem Vergleich der Fälle:
- Es gibt keine Hinweise darauf, dass Verschwörungsideologien heute verbreiteter sind als in vergangenen Zeiten. Trotzdem ist es kein falscher Eindruck, dass wir diese Wahrnehmung haben: auch wenn es nicht zwingend mehr Menschen mit diesen Einstellungen gibt, scheinen Verschwörungsideologien in den vergangenen Jahren politisch und gesellschaftlich wirkmächtiger geworden zu sein.
- Das liegt insbesondere am Einfluss der sog. Meso-Ebene. Darunter fallen etwa politische Akteurinnen und Akteure sowie die Etablierung eigener, verschwörungsideologischer Mediennetzwerke. Diese Akteurinnen und Akteure aggregieren auf der einen Seite verschwörungsideologische Einstellungen aus der Bevölkerung, auf der anderen Seite machen sie Politik und Gesellschaft durchlässig für Verschwörungsideologien.
- Auch die konkreten Inhalte von Verschwörungsideologien spielen allerdings eine Rolle für ihre Anschlussfähigkeit. So gibt es in den untersuchten Ländern fünf Hauptnarrative, die von Migration bis Gesundheitspolitik reichen.
Die wichtigsten Ergebnisse für Österreich:
- Niedrig im Vergleich, stark im Detail: 19,7 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher glauben laut Europäischer Sozialerhebung, eine „kleine geheime Gruppe“ lenke die Weltpolitik – der europäische Durchschnitt liegt bei 32,9 Prozent. Zwischen den Bundesländern klaffen die Werte jedoch weit auseinander: von 12,5 Prozent im Burgenland bis 30,8 Prozent in Kärnten.
- Eng mit Politik verknüpft: Extreme politische Positionen und Verschwörungsmentalität hängen in Österreich deutlich stärker zusammen als in vielen anderen der 26 Länder einer internationalen Vergleichsstudie.
- Krisen als Treibstoff: Der Aufstieg der FPÖ von 10 Prozent (2002) auf 28,8 Prozent (2024) fällt mit Finanzkrise, Fluchtbewegung, Pandemie und Ukrainekrieg zusammen.
- Ein gemeinsamer Sprachraum: Verschwörungsunternehmer aus Deutschland und Österreich bespielen dasselbe Publikum, oft über eigene Medienkanäle.
Die Autorinnen und Autoren beschreiben das Land mit der Formel „formale Stärke und kulturelle Ambivalenz“. Verfassungsgerichtshof, Sozialpartnerschaft, ORF und verpflichtende politische Bildung bilden einen Boden, der eine Aushöhlung der Demokratie verhindert. Darüber aber liegen populistische Unterströmungen und eine lange uneindeutige Haltung zur NS-Vergangenheit. Das sei „kein Widerspruch, den man wegerklären müsste“, heißt es in der Studie, sondern ein strukturelles Muster. Überraschend ist ein weiterer Befund: Viele Menschen in Österreich trauen sich durchaus zu, politisch etwas zu bewirken – nur erleben manche gerade den Protest gegen das System als wirksam. Entscheidend sei daher, ob Bürgerinnen und Bürger ihre Handlungsmacht „innerhalb oder gegen das demokratische System“ verorten. Weil das Gleichgewicht in ruhigen Zeiten hält, in Krisen aber kippen kann, empfiehlt die Studie, Medienkompetenz und politische Bildung durch schnelle Reaktionsmechanismen für Krisenzeiten zu ergänzen.
Zur Vorgehensweise
Methodisch handelt es sich um eine Sekundäranalyse: Das Team führte vorhandene Daten zusammen – repräsentative Umfragen, internationale Demokratie-Indizes, Wahlergebnisse und Fachliteratur. Ein gemeinsames Analyseraster für alle acht Länder unterscheidet drei Ebenen – Staat und Institutionen, Parteien, Bewegungen und Medien sowie die Einstellungen Einzelner – und drei demokratische Ressourcen: Identität, Widerstandskraft (Resilienz) und politische Wirksamkeit. Die Studie ist explorativ angelegt: Sie zeigt Zusammenhänge, beweist aber keine Ursachen.
Über das Forschungsteam
Michelle Colleen Schweitzer ist Soziologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leipzig Research Centre Global Dynamics (ReCentGlobe). Unterstützt wurde sie bei der Studie von Sebastian Schwarzweller und Dr. Stefan Christoph (beide Universität Passau). Die Europäische Union fördert den Verbund im Rahmen des Programms Horizont Europa (Fördervereinbarung 101178926 im Call „Past, present and future of democracies; HORIZON-CL2 2024-DEMOCRACY-01“). An der Universität Passau ist der Verbund Teil des Forschungsprofilfelds „Resiliente Demokratien“. Darin untersuchen Forschende aus verschiedenen Disziplinen die Bedrohungen für demokratische Systeme, um zu erkennen, wie sich deren Resilienz stärken lässt.
Förderhinweis
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